Frankfurter Altstadt :
Der Hauptgewinn und seine Rendite

Matthias Alexander
Ein Kommentar von Matthias Alexander
Lesezeit: 2 Min.
Vogelperspektive: Hier in der neuen Altstadt hat die Idee der Gestaltungssatzung reife Früchte getragen
Nirgends ist Frankfurt urbaner als an der Braubachstraße. Hier in der neuen Altstadt hat die Idee der Gestaltungssatzung reife Früchte getragen. Daraus sollte Frankfurt lernen.

Viel ist über die neue Altstadt in Frankfurt geschrieben worden. Ein Aspekt ist aber unterbelichtet geblieben, wohl weil es sich um ein Randphänomen im wörtlichen Sinn des Wortes handelt. Während alle die „Goldene Waage“ bewundern und Selfies vor dem Stoltzebrunnen machen, findet die Häuserzeile an der Braubachstraße, die den nördlichen Abschluss des Areals bildet, bisher wenig Beachtung.

Dabei ist sie vielleicht der Hauptgewinn des ganzen Projekts. Vier große Häuser sind dort entstanden, eines markanter als das andere, ohne sich dabei gegenseitig übertrumpfen zu wollen. Zusammen mit den Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert, die in den siebziger Jahren nicht abgerissen worden sind, bilden sie ein geschlossenes Ensemble.

Reife Früchte

Die Idee der Gestaltungssatzung hat nirgendwo in der Altstadt reifere Früchte getragen als hier. Nirgends ist Frankfurt urbaner als an dieser Stelle. Die Wirkung ist schon zu spüren. Läden, Galerien, Restaurants, Museen und Auktionshäuser sorgen von morgens bis in die Nacht für eine weltläufige Atmosphäre.

Und was lernt Frankfurt daraus? Hoffentlich dies: dass eine Europa-Allee und eine Altenhöferallee nicht mehr möglich sein dürfen. Dass Städtebau und Architektur in den Neubaugebieten nach den Erfahrungen im Europaviertel und am Riedberg endlich auf ein Niveau gebracht werden müssen, das vor hundertundzwanzig Jahren erreicht war.

Sicherlich sind Fassaden wie jene an der Braubachstraße teurer als die üblichen Putzfassaden. Aber gemessen an den Gesamtinvestitionen für eine Immobilie, ist es nur ein kleiner Betrag. Die öffentliche Wertschätzung, die solche Gebäude erfahren, macht sich langfristig auch für den Privatinvestor finanziell bemerkbar.

Zeit und Gedankenfreiheit

Die Investition, die solche Häuser fordern, ist vor allem eine intellektuelle: Die Architekten müssen bereit sein, sich mit ihren Entwürfen Mühe zu geben und ihren Möglichkeitssinn zu erweitern. Die Zeiten sollten vorbei sein, in denen sich Gedankenlosigkeit als Treue zu den Dogmen der Moderne tarnt. Damit das gelingt, müssen die Bauherren bereit sein, den Architekten mehr Zeit und Gedankenfreiheit zu lassen.

Darüber, dass das gelingt, muss die Stadt wachen. Es ist eine der vornehmsten Aufgaben der Kommunalpolitik und der Verwaltung, sich um das Erscheinungsbild der Stadt zu kümmern. Was an Straßen und Plätzen gebaut wird, geht alle an; es handelt sich um Festlegungen auf Jahrzehnte und darüber hinaus. Herrscht erst einmal gestalterischer Schlendrian, entwickelt auch die nächste Generation keinen Sinn für Schönheit.

Auf ihre Verantwortung angesprochen, sind die Auskünfte der Planungsdezernenten und Amtsleiter seit Jahrzehnten sehr defensiv: Man wolle kein Geschmacksdiktat, die Kräfte des Marktes seien übermächtig, solche Debatten machten die ohnehin komplexen Abläufe noch langwieriger. Man sollte ihnen das nicht durchgehen lassen. Genauer: Wir, die Bürger, sollten ihnen das nicht durchgehen lassen.