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Kommentar zur Börsen-Ehe : Wer übernimmt hier wen?

  • -Aktualisiert am

Duncan Niederauer, CEO von Nyse Euronext, führt den neuen Börsenriesen von New York aus... Bild: REUTERS

Kleinaktionäre der Nyse Euronext fürchten, die Deutschen könnten im neuen Konzern das Sagen haben. Doch der Aktienhandel sitzt künftig in New York - Stellen fallen eher außerhalb Amerikas weg, wie es heißt. Mögliche Vorteile für Frankfurt sind also noch mit vielen Fragezeichen versehen.

          Es war ein erschütterndes Plädoyer, das eine Holocaust-Überlebende auf der Sonder-Hauptversammlung der New York Stock Exchange Euronext gestern hielt. „Den Krieg haben die Deutschen verloren, aber jetzt gewinnen sie doch noch den wirtschaftlichen Krieg“, rief sie den Aktionären mit zittriger Stimme entgegen. Jetzt heiße es doch noch: „Deutschland über alles“.

          Die übrigen Beiträge in der kurzen Aussprache waren weniger emotional, aber auch sie zeigten, dass unter den Kleinaktionären die Angst herrscht, die Deutsche Börse könne in dem neuen Zusammenschluss das Sagen haben. Kommt die Fusion wie geplant zustande, halten die Anteilseigner des Frankfurter Unternehmens 60, die New Yorker 40 Prozent an der neuen Holding. Der Nyse-Chef, der Vorstandsvorsitzender des neuen Konzerns werden soll, werde in Kürze durch einen Deutschen ersetzt, schloss eine Aktionärin daraus.

          Doch dass schließlich eine Mehrheit für das Vorhaben votierte, spricht eine andere Sprache. Die Anleger, die für solche Beschlüsse entscheidend sind, die Fonds, Versicherer und Banken, dürften vor ihrem Ja einen sehr tiefen Blick in die Fusionsunterlagen geworfen haben. Und da spricht vieles dafür, dass die New Yorker für sich einen guten Deal ausgehandelt haben.

          ...und Reto Francioni, derzeit Chef der Deutschen Börse, wird Oberaufseher im neuen Konzern

          Neuer Konzern mehrheitlich in amerikanischem Besitz

          Duncan Niederauer wird den Konzern von der Wall Street aus führen. Einen Tag nach Ankündigung der Fusion kam er nach Eschborn, was in der Symbolik solcher Prozesse als Königsbesuch im neuen Territorium gewertet wird. Aufgrund der hohen Zahl amerikanischer Deutsche-Börse-Aktionäre wird auch das neue Unternehmen mehrheitlich in amerikanischem Besitz sein. Und auch der künftige Herr über den Aktienhandel, Lawrence Leibowitz, sitzt in Manhattan. Er hat kürzlich schon verlauten lassen, dass Stellen wohl eher außerhalb Amerikas abgebaut werden dürften.

          Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni wird als Verwaltungsratschef für die großen Strategien zuständig sein, Gregor Pottmeyer für die Finanzen. Auch das Termingeschäft, das seit Jahren immer wichtiger wird, und nachgelagerte Dienstleistungen werden von Frankfurt aus geleitet. Doch ob diese Sparten durch die Fusion mehr Geschäft bekommen, wird sich erst zeigen müssen. Und noch eines ist längst nicht sicher: ob die Aufsichtsbehörden all diese Geschäfte unter einem Dach überhaupt erlauben werden. Die möglichen Vorteile für Frankfurt sind also noch mit vielen Fragezeichen versehen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

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