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Kommentar zum Hessentag : Hinhören hätte geholfen

Einiges schief gelaufen: Kollegahs Texte sorgen für Diskussionsstoff. Die Rap-Nacht am Hessentag wird deswegen abgesagt. Bild: dpa

Kollegah darf am Hessentag nicht auftreten, seine Kollegen dürfen es ebenfalls nicht. Denn die Rap-Nacht wird abgesagt. Dieses Resultat ist ein Scherbenhaufen - und hätte verhindert werden können.

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          Als Ministerpräsident Georg August Zinn im Jahr 1961 den Hessentag ins Leben rief, wollte er ein Fest feiern, das die Menschen zusammenführt, das Alteingesessene und Neubürger miteinander in Verbindung bringt. Seither haben sich zwar Ansichten und Sitten geändert, doch nicht derart, dass es nun Brauch wäre, dem Gegenüber erst einmal anzubieten, dessen Mutter zu ficken, ihn über den Haufen zu fahren oder ihm einige Kugeln ins Gesicht zu ballern.

          So zugewandt, tragen die sogenannten Gangsta-Rapper ihre „Battles“ aus. Da ist reichlich Inszenierung und Koketterie mit dem Milieu von Dealern und Zuhältern dabei, ein Spiel, das gleichwohl seiner vermeintlichen Rauhheit wegen viele Hörer fasziniert. Der in Friedberg geborene Rapper Felix Blume alias Kollegah kann davon ein Lied sprechsingen, haben ihm seine rohen, gewaltverherrlichenden Reime doch schon Goldene Schallplatten eingebracht.

          Der falsche Ort für ein „Battle“

          Dieser kommerzielle Erfolg hat die Verantwortlichen für das Programm des diesjährigen Hessentages in Rüsselsheim nicht nur geblendet, sondern ihnen wohl auch für entscheidende Momente die Fähigkeit des Zuhörens geraubt. Sonst wären sie kaum auf die Idee gekommen, für eine Rap-Nacht ausgerechnet Musiker wie Kollegah oder Farid Bang zu buchen, deren Texte schon allein genrebedingt eher das Gegeneinander als das Miteinander preisen und damit den Anspruch von Weltoffenheit, den das Fest transportieren möchte, konterkarieren.

          Dabei hatten die Programmplaner selbst Offenheit bewiesen, als sie Rüsselsheimer Jugendliche nach ihren Wunschkünstlern befragten. Die dürften angesichts der großen Popularität von Rap und Hip-Hop in Deutschland aber gewiss nicht nur Kollegah und dessen Gangsta-Kollegen, sondern auch in ihren Aussagen unverfänglichere Rapper genannt haben, die im Juni hätten auftreten können. So aber war es nur eine Frage der Zeit, bis tatsächlich jemand Anstoß an den anstößigen Kollegah-Texten nehmen würde.

          Das Resultat ist ein Scherbenhaufen - mit Ankündigung. Die Stadt wird die Veranstaltung absagen und dafür möglicherweise Schadenersatz zahlen müssen. Der Rapper steht mit dem nicht belegten Vorwurf da, ein Antisemit zu sein. Und in den sozialen Medien, auch auf Kollegahs Facebook-Seite, wüten nun die tatsächlichen Antisemiten. Dabei hätten sich die Planer nur einmal zusammen hinsetzen müssen, gemeinsam hören und dabei bemerken, dass der Hessentag für ein „Battle“ der falsche Ort ist.

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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