https://www.faz.net/-gzg-ad4hi
Helmut Schwan (hs.)

Zum Urteil gegen A49-Gegnerin : Tritte gegen die Umwelt

  • -Aktualisiert am

Protest: „Free Ella“ steht auf der Maske einer Frau, die gegen die Haftstrafe für die Aktivistin demonstriert. Bild: dpa

Die Aktivistin, die einen Polizeibeamten getreten hat, darf nicht zur Märtyrerin stilisiert werden. Fridays for Future hat gegen ihre Verurteilung protestiert – eine Entscheidung, die sich nur schwer korrigieren lässt.

          2 Min.

          Nennen wir sie also auch „Ella“. Die junge Frau, die ihre Identität nicht preisgeben will und die das Amtsgericht Alsfeld vor einigen Tagen wegen eines Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und gefährlicher Körperverletzung verurteilt hat, wird zu einer Leitfigur im Kampf gegen die Umweltzerstörung erhoben. Dem muss massiv widersprochen werden.

          Eine gute Wahl

          Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Zu den Freiheiten, die durch die Corona-Krise erfolgreich verteidigt wurden, gehört zuvörderst, seine Meinung auch unter erschwerten Bedingungen äußern und dafür auf die Straße gehen zu können. Die Demonstration am Donnerstagabend in Frankfurt, die unter dem Motto stand „Klimaschutz ist kein Verbrechen“, dürfte wohl nur der Anfang einer Kampagne sein.

          Kein Justizskandal

          Alle, die im Schwange der Gefühle dazu neigen, von einem Justizskandal zu sprechen, müssen sich fragen lassen, ob sie überhaupt mitbekommen haben, worum es in dem Prozess ging. Gerade eben nicht darum, ob es ein Frevel an der Natur ist, all die vielen Bäume für den Weiterbau einer Autobahn zu fällen. Und auch nicht darum, ob die Teilnehmer des Protestcamps im Mittelhessischen noch so etwas wie ein Notwehrrecht in Anspruch nehmen konnten, als alle Versuche, die Rodung und die Räumung auf dem Rechtsweg zu verhindern, gescheitert waren. Es ging in dem Strafprozess allein um den Moment, als Mitglieder einer besonders geschulten Polizeieinheit versuchten, die Besetzerin einer Plattform im Dannenröder Forst sicher auf den Boden zu bringen.

          Ein solche „Höhenrettung“ ist gefährlich genug, für beide Seiten. „Ella“, so hat es das Gericht festgestellt, trat Polizeibeamten gegen den Kopf, in Kauf nehmend, dass sie zu Boden stürzen und sich schwer verletzen könnten. Ob das Gericht die Situation richtig bewertet hat, das wird mit Sicherheit in der nächsten Instanz überprüft. Wird das Urteil bestätigt, dann wäre es umso fragwürdiger, die Angeklagte als Märtyrerin für die Umwelt zu stilisieren.

          Fridays for Future verliert an Schubkraft

          Auch die Bewegung Fridays for Future hat sich am Donnerstagabend in Frankfurt in den Protestzug eingereiht. Das ist zum einen konsequent, weil sich einige Mitglieder zu den „Waldbesetzern“ gesellt, an den Baumhäusern mitgebaut und die Konfrontation mit der Polizei ausgefochten hatten. Das ist auf der anderen Seite aber heikel, weil der Bewegung nun droht, noch weiter an Schubkraft zu verlieren. Über die Pandemie hat sie mangels Gelegenheit, für ihr Anliegen zu demonstrieren, ohnehin einiges davon eingebüßt.

          Die Neigung, sich zu radikalisieren, hält offenbar an. Damit schenkt Fridays for Future die Unterstützung und Sympathie in der „Mitte der Gesellschaft“ her, von der sie bisher getragen war. Stattdessen die Nähe zu autonomen Gruppen oder der Antifa zu suchen ist eine Entscheidung, die sich nur schwer korrigieren lässt. Es wäre schade um das Projekt engagierter Jugendlicher. „Ella“ hat dieses Projekt mit Füßen getreten.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Weitere Themen

          Die Vergessenen

          FAZ Plus Artikel: Frankfurter in Afghanistan : Die Vergessenen

          Mohammad und seine sieben Kinder stecken in Pakistan fest. Amir sucht einen Weg durch die Berge hinter Kabul für seine Geschwister. Wie Hunderte deutsche Staatsbürger warten die Frankfurter darauf, vor den Taliban gerettet zu werden.

          Topmeldungen

          Wiedergewählt im zweiten Anlauf: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (links) bei der Vereidigung

          Wahl Reiner Haseloffs : Acht Abweichler sollt ihr sein

          Schon wieder wird Sachsen-Anhalts Ministerpräsident erst im zweiten Anlauf bestätigt. In Magdeburg wird wild spekuliert: War es ein organisierter Aufstand? Oder eine Verkettung von Einzelaktionen?
          Ohne Test oder Impfung geht in Italien bald gar nichts mehr.

          Italien prescht vor : Zur Arbeit nur noch mit Test oder Impfung

          Wer kein Zertifikat über eine Impfung oder einen Test vorweisen kann, darf in Italien vom 15. Oktober an nicht mehr zur Arbeit in Büros, Behörden, Geschäften oder der Gastronomie gehen. Und in Frankreich müssen 3000 nicht geimpfte Pflegekräfte ihren Posten räumen.
          Australien taucht ab – aber nicht mehr mit U-Booten aus Frankreich.

          Sicherheitspakt im Pazifik : Ein Deal entzweit den Westen

          Australien, die USA und Großbritannien haben einen Sicherheitspakt geschlossen, der Canberra Zugang zu Atom-U-Booten ermöglicht. Frankreich fühlt sich durch die Vereinbarung betrogen und reagiert enttäuscht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.