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Kommentar : Kulturelle Irritation

Über Burka und Niqab wird geredet, aber nicht darüber, was das Kopftuch für die Trägerinnen bedeutet: Zwei verschleierte Frauen spazieren am Mainufer. Bild: dpa

Frauen in Niqab sorgen hierzulande für ein Fremdheitsgefühl, das ist aus mehreren Gründen nachvollziehbar. Aber das wichtigere Thema wird ausgelassen: das Kopftuch.

          Ja, Frauen, die sich voll verschleiern, erzeugen hierzulande ein irritierendes Fremdheitsgefühl. Das ist nachvollziehbar, beruht die verbale wie non-verbale Kommunikation doch aus guten Gründen auf der Erkennbarkeit des Gegenübers. Generell verbieten sollte man den Niqab aber nicht.

          Anders verhält es sich mit Orten, an denen ein solcher Schleier tatsächlich nichts zu suchen hat - vor Gericht etwa, beim Autofahren oder auf Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr. Wer auf dem Niqab partout besteht, dem werden Teile des gesellschaftlichen Lebens versperrt bleiben. Das muss dann in Kauf genommen werden. Dass diese Art des Schleiers nicht auf islamischen Vorschriften beruht, sagen Muslime selbst. Dennoch ist der Niqab in einigen muslimischen Ländern Brauch, wiewohl sich auch dort einiges langsam zu ändern scheint.

          Kopftuch ist das wichtigere Thema

          Dass Frauen sich hierzulande dermaßen verhüllt zeigen, sollte nicht bagatellisiert, aber auch nicht dramatisiert werden. Integrationspolitische Aufmerksamkeit verdient viel mehr die größere Gruppe muslimischer Frauen, nämlich jene, die ein Kopftuch tragen. Viele von ihnen, die gut Gebildeten zumal, beklagen fehlende Chancen auf dem Arbeitsmarkt - wegen des Kopftuchs.

          Mit der Vollverschleierung ist zwar eine erhebliche kulturell-religiöse Irritation verbunden, doch auch das Kopftuch sorgt noch immer für einige Unsicherheit, zumal die Zahl der Trägerinnen augenscheinlich zunimmt. Wie ist das Kopftuch zu deuten? Wofür steht es? Fragen wie diese sind nicht abstrakt und allgemein, sondern nur in Gesprächen mit der Frau zu klären, die ein Kopftuch trägt. Es wäre unfair, sie pauschal der Unselbständigkeit und Unfreiheit zu zeihen oder sie für die Schattenseiten des gelebten Islams mitverantwortlich zu machen, die es zweifelsohne gibt.

          Es gibt Musliminnen, für die Religion ein wesentlicher Teil ihrer Identität ist und die sich trotzdem als integralen Teil der Gesellschaft begreifen. Zu Recht. Sie stellen die Gesellschaft, bewusst oder unbewusst, vor die Frage, welche Bedeutung man Religion beimessen will, die viele lieber heute als morgen ins rein Private verbannt wissen wollen. Aber auch der muslimischen Community mit ihren meist männlichen Repräsentanten halten diese Frauen mit einem wachsenden, von Bildungserfahrungen genährten Selbstbewusstsein einen Spiegel vor - ein Ansporn zu mehr Integrationsbereitschaft.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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