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Kommentar : Zuerst sollte das Gericht sprechen

Die Stadt Offenbach erwähnt, eine Brücke nach Tugce Albayrak zu benennen. Gegen das Vergessen. Doch derzeit wäre das verfrüht - nicht nur, weil der mutmaßliche Täter noch nicht vor Gericht stand.

          Namen seien nur Schall und Rauch, ist schon bei Goethe nachzulesen. Dies gilt besonders in der heutigen Zeit, in der Stars schnell vergöttert und noch schneller vergessen werden. Nichts ist so alt wie der Ruhm von gestern. Das hat schon mancher Prominente erfahren müssen, der sich unvergesslich wähnte.

          Tugce Albayrak war kein Star, sondern eine junge Frau, die sich an einem frühen Samstagmorgen in einem Offenbacher Schnellrestaurant für andere einsetzte und dafür mit ihrem Leben bezahlte. Wo andere weggeschaut hätten, mischte sie sich ein und zeigte Zivilcourage.

          Es ist die Aufgabe der Politik, Menschen auszuzeichnen, die anderen helfen wollen, keine Frage. In dieses Horn stößt denn auch der Offenbacher CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Freier. Tugce sei ein leuchtendes Vorbild gerade für junge Menschen, hebt er hervor. Und weiß sich darin einig mit einer überwältigenden Mehrheit der Bürger.

          Unschuldsvermutung einhalten

          Bei allem guten Willen, das Opfer einer brutalen und weder nachvollziehbaren noch tolerierbaren Tat angemessen zu ehren, darf eines allerdings nicht übersehen werden: Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft sind bisher nicht abgeschlossen. Noch handelt es sich um ein schwebendes Verfahren. Manches, was sich an jenem Morgen in dem Restaurant und auf dem Parkplatz davor zutrug, ist noch nicht abschließend geklärt.

          Der mutmaßliche Täter sitzt zwar in Untersuchungshaft, doch er stand noch nicht vor Gericht, und er wurde noch nicht verurteilt. Bis das geschehen ist, muss er als unschuldig gelten. Manchem mag es schwerfallen, dies zu akzeptieren, doch es geht hier um eine tragende Säule des Rechtsstaats.

          Nicht bloßer Reflex

          Der Einsatz von Tugce Albayrak, die dabei ihr Leben gab, muss und soll gewürdigt werden, selbst wenn sich die Rolle des Engels, die ihr vom Boulevard zugeschrieben wurde, als zu hehr erweisen sollte. Die Erinnerung an die junge Frau sollte dauerhaft mahnen, dass hierzulande nicht das Recht des Stärkeren gelten darf.

          Eine Brücke im Offenbacher Hafen könnte dazu geeignet sein, ihren Namen im Gedächtnis der Menschen zu verankern. Die Ehrung sollte jedoch mit Bedacht und aus tiefster Überzeugung vorgenommen werden, nicht als Reflex unter dem noch unmittelbar nachwirkenden Eindruck eines unbegreiflichen Geschehens mit tragischem Ausgang.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

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