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Kommentar : Lob des Sitzenbleibens

In einem Ranking zu Sitzenbleiber-Quoten haben Städte der Rhein-Main-Region besonders schlecht abgeschnitten. Doch die Studie hat einen entscheidenden Schwachpunkt.

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          Wieder einmal ein Bildungs-Ranking, in dem Hessen mies abschneidet. Fast alle großen Städte der Rhein-Main-Region sind „Sitzenbleiber-Hochburgen“, so der Wortlaut einer jetzt veröffentlichten Studie. Ganz klar, dass es sich um einen schweren Fall bildungspolitischen Totalversagens handeln muss, auch wenn es nicht gelingt, einen Zusammenhang zwischen Armut und Nichtversetzung nachzuweisen.

          Anders als bei ähnlichen Ranglisten befindet sich Hessen aber diesmal in guter Gesellschaft: Ausgerechnet im Vorzeigeland Bayern bleiben noch mehr Kinder sitzen. Heißt das etwa, dass unter weiß-blauen Schuldächern doch nicht alles zum Besten bestellt ist? Oder dass das Wiederholen einer Klasse gar nicht so schlimm und unter Umständen sogar ein Beitrag zu einer letztlich erfolgreichen Bildungslaufbahn ist?

          Der Schwachpunkt der Studie

          Die Entwicklung von Kindern ist sehr unterschiedlich, sie verläuft nicht linear, sondern in Schüben. Vielen, die in der Schule zeitweise überfordert waren, hat das zusätzliche Jahr gutgetan. Selbst eine Querversetzung auf eine andere Schulform, wie sie bei mehrmaligem Sitzenbleiben möglich ist, wird von den Betroffenen im Rückblick oft als Erleichterung gesehen. Manch einer hat auf dem Umweg über eine Real- oder Gesamtschule Selbstvertrauen geschöpft und dann ein erstklassiges Abitur gemacht.

          Es ist erstaunlich, dass gerade diejenigen, die ansonsten so viel Wert auf individuelle Förderung legen, der Meinung sind, dass jedes Kind die Schule in exakt derselben Zahl von Jahren durchlaufen muss. Auf das in jüngster Zeit immer wieder vorgebrachte Argument der Kosten des Sitzenbleibens ist, sofern die Berechnung überhaupt stimmt, zu antworten: Das sollte es uns wert sein.

          Zugutehalten muss man den Autoren, dass sie selbst auf eine Schwachstelle ihres Rankings hinweisen. Dass manche Städte, etwa Berlin und Hamburg, sehr niedrige Wiederholer-Quoten haben, liegt schlicht daran, dass das Sitzenbleiben dort weitgehend abgeschafft wurde. „Man möchte jeden Schüler durchziehen, egal, wie die schulischen Leistungen sind“, heißt es in der Studie. Ein Rätsel, was daran zum Wohle der Schüler sein soll.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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