https://www.faz.net/-gzg-8kgos

Kommentar : Größer denken

Die Kosten für eine Sanierung der Städtischen Bühnen werden bereits geschätzt. Doch es gäbe noch andere Möglichkeiten. Bild: dpa

Angesichts der Sanierung der Städtischen Bühnen könnte sich eine Jahrhundertchance bieten. Bisher hat sich jedoch niemand von Frankfurts Politikern hervorgetan. Hier eine Anregung.

          2 Min.

          Frankfurt hat sich das Denken im Großen abgewöhnt, vom Träumen ganz zu schweigen. Die Alte Oper wieder zur Oper machen? Ein neues großes Konzerthaus auf dem Kulturcampus in Bockenheim errichten? Dem Schauspiel einen spektakulären Neubau am Willy-Brandt-Platz errichten? Bisher hat sich noch niemand aus dem Kulturbetrieb und aus der Kommunalpolitik getraut, einen Gedanken von solcher Tragweite öffentlich zu äußern.

          Dabei bietet sich angesichts der anstehenden Sanierung der Städtischen Bühnen womöglich eine Jahrhundertgelegenheit. Immer stärker zeichnet sich ab, dass sich Abriss und Neubau als die ökonomisch sinnvollere Variante erweisen könnten. Auch wenn jeder Fall anders liegt: die dramatischen Kostensteigerungen für die Sanierung der Opernhäuser in Köln und Berlin machen nachdenklich, und in Stuttgart rechnet man inzwischen mit bis zu 600 Millionen Euro Kosten für die Modernisierung des dortigen Musiktheaters.

          Was hätten frühere Oberbürgermeister getan?

          Sollte sich in Frankfurt tatsächlich zeigen, dass ein Neubau günstiger käme, täte sich ein weites Feld von kulturpolitischen und stadtplanerischen Möglichkeiten auf. Man stelle sich vor, was die großen Oberbürgermeister der Stadt wie Franz Adickes, Ludwig Landmann und Walter Wallmann in einer solchen Situation getan hätten. Sie hätten die Chance gesehen, Quartiere zu prägen und architektonische Ausrufezeichen zu setzen.

          Doch in den vergangenen Jahrzehnten ist Frankfurt - wie vielen anderen deutschen Großstädten - der Mut zu großen Ideen abhandengekommen. Ob sich das demnächst ändert, ist zweifelhaft. Das hängt auch mit der Zusammensetzung des Magistrats zusammen. Die zuständigen Stadträte sind neu im Amt: Kulturdezernentin Ina Hartwig und Planungsdezernent Mike Josef (beide SPD) fehlt noch das politische Kampfgewicht. Ihr Parteifreund Oberbürgermeister Peter Feldmann ist nicht als Freund der Hochkultur hervorgetreten, und auch sein designierter Herausforderer von der CDU, Kämmerer Uwe Becker, hat sich auf diesem Gebiet bisher nicht hervorgetan. Das könnte sich ändern: der Wahlkampf zur Oberbürgermeisterwahl 2018 könnte zu einem Wettstreit um die besten Ideen werden.

          Andere Varianten ernsthaft prüfen

          Politiker mit Phantasie und Tatkraft allein werden es aber nicht richten können. Auch aus der Bürgerschaft müssen Impulse kommen. Frankfurt hatte da einst sehr viel zu bieten: Städel, Palmengarten, Bürgerhospital, Saalbau, Senckenbergmuseum und Oper wären im 19. Jahrhundert nicht entstanden, wenn es nicht Männer wie Leopold Sonnemann gegeben hätte, die diese Projekte mit Geld und Engagement vorangetrieben haben. Wie viel Aufbruchstimmung und Gestaltungswillen herrschten in einer Zeit, die heutzutage in überheblicher Unkenntnis als erstarrt betrachtet wird.

          Der frühere Planungsdezernent Martin Wentz hat daher recht, wenn er vor Mutlosigkeit warnt. Man muss seinen Vorschlag, auf dem Kulturcampus Bockenheim Oper oder Theater anzusiedeln, nicht gutheißen. Beide gehören in die Innenstadt. Doch ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich als Erster aus der Deckung gewagt hat und für eine räumliche Trennung der beiden Institutionen eintritt.

          Es ist zu hoffen, dass die Politik den Mut zu einer offenen Diskussion entwickelt, in der auch zunächst unrealistisch wirkende Vorschläge gemacht werden dürfen, ohne billige Polemik zu provozieren. Sollte am Ende eine Sanierung der Doppelanlage am alten Standort beschlossen werden, ist es auch gut - wenn denn zuvor andere Varianten ernsthaft geprüft worden sind.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.