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Patricia Andreae (cp.)

Kommentar : Verbindliche Gemeinschaft

Auch wenn die Zahl der Kirchenaustritte in der Region leicht gesunken ist, die Zukunft der Kirchen ist kein Selbstläufer. Doch die Kirche bietet Gemeinschaft - und darin liegt eine Chance.

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          Der letzte Kirchenbesuch liegt schon wieder eine ganze Weile zurück. Dennoch ergab sich neulich beim Straßenfest ein nettes Gespräch mit dem Pfarrer und seiner Frau. Vor einem Jahr hat er den Sohn konfirmiert, man kennt sich. Auch von der Ferienfreizeit, an der die Tochter teilgenommen hat. Im Advent gibt es in der evangelischen Sachsenhäuser Großgemeinde wieder den „Lebendigen Adventskalender“, bei dem sich jeden Abend eine Tür öffnet, einmal die eines Kindergartens, dann die eines Gemeindemitglieds. Man singt gemeinsam oder hört einen Text, isst Plätzchen und trinkt ein Glas Punsch. Am Ende hat man vielleicht ein paar neue Nachbarn kennengelernt.

          Ähnlich sieht es beim Sommerfest der Gemeinde aus. Der Nachwuchs trifft alte Freunde aus dem Kindergarten, man trinkt an langen Gartentischen Kaffee und plaudert mit den Nachbarn, vielleicht auch mit dem Familienvater, der morgens oft zur gleichen Zeit den Hund ausführt. Die Gemeinde bietet eine verbindliche Gemeinschaft, ein soziales Netzwerk, das in der wirklichen Welt funktioniert und nicht nur in der virtuellen.

          Es braucht Bemühung, eins zu sein

          Dass Gemeinschaft gesucht wird, lässt sich leicht daran erkennen, wie schnell sich Internetangebote wie Nebenan.de entwickeln, in denen neben Katzensittern und Abnehmern für ausgediente Kinderfahrräder vor allem Gemeinschaft gesucht wird, beim neuen Stammtisch ebenso wie beim Hundespaziergang, aber stets ganz unverbindlich.

          Die Mitgliedschaft in der Kirche ist weit mehr, ihr Fundament ist der Glaube oder zumindest ein aus ihm abgeleitetes Wertesystem. Das ist nicht unverbindlich zu haben und hierzulande auch nicht kostenlos. Man kann trefflich darüber streiten, ob die Kirchen den staatlich einkassierten Beitrag ihrer Mitglieder richtig verwenden und ob die Höhe angemessen ist. Vielleicht wäre die Zahl der Austritte weniger hoch, wenn die Höhe der Zahlung individuell vereinbar oder vor allem für die Arbeit der eigenen Gemeinde bestimmt wäre.

          Wer seine Kinder in kirchliche Kindergärten schickt, deren Personal gegenüber dem in städtischen Einrichtungen schlechter gestellt ist, kann schon am Sinn der Kirchenmitgliedschaft zweifeln. Besonders wenn auch noch christliche Feste so gefeiert werden, dass Andersgläubige nur ja kein Problem damit haben. In einem solchen Umfeld besteht die Gefahr, dass Kirche zum beliebigen Sozialträger wird. Wenn sie sich aber stärker bemüht, vor allem eins zu sein, eine Glaubensgemeinschaft, die ihren Mitgliedern ein echtes soziales Netz bietet, würden ihr wohl weniger den Rücken kehren.

          Patricia Andreae
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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