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Kommentar zu G8-Debatte : Weder Ruhe noch Weitsicht

Der Streit zwischen den Lagern - ob G8 oder G9 - ist wieder entfacht. Bild: dpa

Nun, einen knappen Monat nach Henzlers Abschied und Nicola Beers Amtsantritt im hessischen Kultusministerium, ist es mit der Ruhe dahin.

          Vor allem eines hielt sich Dorothea Henzler zugute, als sie ihre Leistung als Kultusministerin resümierte: Sie habe den Schulen Ruhe gebracht. Nun, einen knappen Monat nach Henzlers Abschied und Nicola Beers Amtsantritt, ist es mit der Ruhe dahin. An den Gymnasien ist die schon abgekühlte Auseinandersetzung über die Schulzeitverkürzung G8 neu aufgeflammt.

          Der Funken sprang allerdings nicht aus dem von Beer geführten Kultusministerium über. Ministerpräsident Volker Bouffier war es, der die Debatte mit einer Äußerung auf dem CDU-Parteitag wieder zündete. Über die Gründe kann man spekulieren, genauso wie über die Frage, ob der Vorstoß mit seiner neuen Kultusministerin abgestimmt war. Immerhin hatte auch sie öffentlich über „Nachbesserungen“ an der Schulzeitverkürzung nachgedacht.

          Keine Freunde an den Schulen

          Vielleicht wächst im schwarz-gelben Lager jetzt, nachdem fast eine Schülergeneration G8 durchlaufen hat, nachdem die Landesregierung die Reform gegen erbitterten Widerstand etabliert hat, die Ahnung, dass es sich dabei gar nicht um ein bürgerliches Projekt gehandelt haben könnte. Denn wie sich gezeigt hat, können Schüler nur unter zwei Voraussetzungen in acht Jahren zum Abitur kommen: Der Unterricht muss auf den Nachmittag ausgedehnt und der Lehrstoff gekürzt werden.

          Die erste Bedingung geht zu Lasten der Familien und der Vereine. Wenn Kinder den ganzen Tag in der Schule sind und am Wochenende noch lernen müssen, bleibt wenig Zeit für einen Ausflug mit den Eltern, für die Freiwillige Feuerwehr oder die Pfadfinder. Das ist ein Verlust, den gerade bürgerliche Familien als schmerzhaft empfinden. Die zweite Bedingung geht an die Substanz des Abiturs als Ausweis klassischer Bildung. Vieles, das ehedem zum Kanon gehörte, kann heute wegen Zeitmangels nicht mehr gelehrt werden.

          An den Schulen werden sich Bouffier und Beer mit ihren Überlegungen allerdings keine Freunde machen. Jahrelang haben sich die Kollegien bemüht, die politisch gewollte Umstellung zu vollziehen. Und nun, da sie einigermaßen gelungen ist, soll es genauso gut möglich sein, zu neun Gymnasialjahren zurückzukehren. Das Vertrauen in die Weitsicht der Politik wird auf diese Weise jedenfalls nicht gestärkt.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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