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Kommentar zu Eschborn : Unausgesprochener Stillhaltepakt

  • -Aktualisiert am

Eschborns Bürgermeister Mathias Geiger muss vor Gericht - wegen Geheimnisverrats. Erstaunlich an dem Fall: Geiger sitzt unverdrossen aus, was andere längst zu Sturz gebracht hätte.

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          Man stelle sich folgendes Szenario vor: Der Eschborner Bürgermeister Mathias Geiger (FDP) sitzt morgens in Frankfurt auf der Anklagebank, muss sich dort wegen Geheimnisverrats, Verleumdung und falscher Verdächtigung verantworten, fährt nachmittags ins heimische Eschborn und führt dort seine Amtsgeschäfte. Verhandlungen mit Unternehmen, Kirchengemeinden und Vereinen stehen an, sogar eine Bürgermeisterdienstversammlung im Kreise der Amtskollegen aus dem Main-Taunus-Kreis oder ein repräsentativer Auftritt namens der Stadt könnten auf dem Terminkalender stehen.

          Mit der Zulassung der Anklage durch das Frankfurter Landgericht werden solche Gedankenspiele real. Denn weder denkt Geiger daran, freiwillig seinen Platz zu räumen, noch wollen Eschborns Stadtverordnete einen Abwahlantrag stellen. Und auch Landrat Michael Cyriax (CDU) sieht in seiner Funktion als Dienstaufsicht noch immer keinen Handlungsbedarf.

          Was außerhalb Hessens reichster Stadt unabhängig jeder strafrechtlichen Bewertung als schwerer Affront gegen die politische Moral gewertet würde, wird in Eschborn mit einer Mischung aus Überdruss und Ratlosigkeit zur Kenntnis genommen. Niemand fordert mehr den sofortigen Rücktritt Geigers, es gibt eine Art Stillhalteabkommen.

          Öffentliche Demontage Geigers verkneifen sich alle

          Eschborns Kommunalpolitiker hätten die Affäre Geiger gerne hinter sich. Inzwischen wären die meisten wohl sogar gewillt, die jahrelange Bespitzelung der eigenen Verwaltung durch den Rathauschef ad acta zu legen, um endlich zur Tagesordnung übergehen zu können.

          Mag vielleicht der ein oder andere ob der Verfehlung des Eschborner Verwaltungschefs die Faust in der Tasche ballen, eine öffentliche Demontage Geigers verkneifen sich die Mitglieder aller Fraktionen. Denn die Bürger - dies machte die Kommunalwahl mit einer erstarkten FDP deutlich - hängen an ihrem Bürgermeister. Daran hat der durch das Gericht bestätigte Anfangsverdacht nichts geändert.

          Der Bürgermeister sitzt derweil unverdrossen aus, was andere längst zu Fall gebracht hätte. Und selbst eine Verurteilung Geigers muss nicht jenen reinigenden Effekt haben, auf den viele insgeheim hoffen. Mögen andere kopfschüttelnd mit dem Finger auf Eschborn zeigen, derlei Kritik kümmert die meisten Eschborner und ihren Bürgermeister wenig.

          Heike Lattka
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

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