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Kommentar zu Brexit : Schachspiel um die Börse

Der Chef der Deutschen Börse: Carsten Kengeter Bild: dpa

Die Börsenfusion zwischen Frankfurt und London ist nach dem Brexit sehr unsicher geworden. Carsten Kengeter könnte mit einem unkonventionellen Schachzug Tatsachen schaffen.

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          Ob Carsten Kengeter Schach spielt, ist nicht bekannt. Das Verhalten des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse während der Verhandlungen über eines der wichtigsten Projekte des Konzerns der vergangenen Jahre wirkt jedoch strategisch nicht sehr weitsichtig. Ein Schachspieler nämlich plant immer viele Züge im Voraus und zieht zahlreiche neue Spielsituationen in Betracht. In diesen Tagen hingegen scheint es, als habe Kengeter das Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union nicht nur nicht erwartet, sondern erst gar nicht erwogen.

          Dass die Fusion zwischen der Deutschen Börse und ihrem Pendant in der britischen Hauptstadt sinnvoll ist, um Größenvorteile zu erzielen, bestreitet kaum jemand. Aber dass die Börse das Projekt noch vor einem solch einschneidenden Ereignis wie der Abstimmung über den Brexit ohne ersichtliche Not derart vorangetrieben und den Hauptsitz der neuen Holding London zugestanden hat, ist im Rückblick kaum verständlich - und sorgt in den Führungsebenen des Konzerns für Kopfzerbrechen. Denn plötzlich türmen sich die Probleme vor Kengeters Herzensprojekt nur so auf. So scheint die nötige Zustimmung der Aktionäre, von denen mindestens 75 Prozent das Projekt abnicken müssen, zumindest nicht mehr selbstverständlich, zumal vor allem die Aktie der London Stock Exchange seit Donnerstag deutlich nachgegeben hat.

          Ein Vorschlag für Carsten Kengeter

          Wachsender Widerstand kommt auch aus den Reihen der Politik, die sich in Sachen Fusion lange Zeit bedauerlich weit in ein Schneckenhaus zurückgezogen hatte, während die Briten selbstbewusst auf den Hauptsitz der neuen Holding als zentrale Voraussetzung für die Fusion gepocht hatten. Und schließlich kann das vollmundig angekündigte Referendumskomitee der Börse, das über die Konsequenzen aus dem Brexit beraten soll, erst tagen, wenn klar ist, welche Folgen aus dem britischen „Leave“ tatsächlich abzuleiten sind - und das kann dauern.

          Dass Kengeter vielleicht doch noch der entscheidende Schachzug gelingt, um die Fusion nach seinen Vorstellungen durchzusetzen, erscheint unwahrscheinlich. Möglich wäre es, das ganze Vorhaben dadurch zu retten, dass man kurzerhand Frankfurt zum Sitz erklärt. Auch Schachspieler müssen manchmal unkonventionelle Spielzüge machen, um voranzukommen. Noch ist es dafür im Falle der Börse nicht zu spät.

          Daniel Schleidt
          Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

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