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Kommentar zu Biblis : Woher den Strom nehmen?

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Kein Erneuerbare-Energien-Förderprogramm der Welt kann Biblis auch nur annähernd ersetzen, jedenfalls nicht sofort. Bild: dpa

Kein Erneuerbare-Energien-Förderprogramm der Welt kann Biblis auch nur annähernd ersetzen, jedenfalls nicht sofort. Ein Internetknoten in Frankfurt verbraucht im Jahr so viel Strom wie eine Stadt mit 80.000 Einwohnern. Woher nehmen, und zwar vor 2030?

          Jetzt schlägt wieder die Stunde derer, die alles schon immer gewusst haben, so oder so. Die Entscheidung, Biblis einstweilen abzuschalten, halten die einen für Knieweichheit, die anderen für eine Wahlkampf-Inszenierung. Die einen wie die anderen sähe man gerne nur einen Tag lang in der Lage der Bundes- oder der Landesregierung, die auf der Basis ungesicherter Informationen weitreichende Entscheidungen treffen muss.

          Nach Lage der Dinge ist der Entschluss, Biblis drei Monate lang stillzulegen, die angemessene, weil differenzierte Antwort auf eine fast unlösbare Frage. Sowohl die resoluten Befürworter der Kernenergie als auch diejenigen, die „Sofort abschalten“ rufen, bleiben nämlich überzeugende Antworten auf die Denksportaufgabe schuldig, Versorgungssicherheit, Umweltschutz und Bezahlbarkeit in Balance zu halten.

          Die Mehrheit gegen Atomkraft

          Wer ohne Wenn und Aber an der Atomenergie festhalten will, kommt um die Einsicht nicht herum, gegen die Mehrheit der Bevölkerung zu stehen. Da spielen möglicherweise übertriebene Ängste eine Rolle, aber es ist nun einmal so. Zudem hat die Kernkraft, von der schwer zu beurteilenden Betriebssicherheit abgesehen, zwei unbestreitbare Schwächen: Niemand kann bisher plausibel sagen, wo der Atomabfall sicher gelagert werden kann, und würden die Entsorgungskosten dem Strompreis zugeschlagen, wäre der Kostenvorteil des Atomstroms dahin.

          Wer am liebsten alle Kernkraftwerke sofort abschalten möchte, müsste freilich die Frage beantworten, woher der Strom kommen soll, den das Industrieland Hessen braucht. Im Jahr 2009 wurden erst knapp vier Prozent des Stromverbrauchs durch Wasserkraft, Biomasse, Windkraft und Photovoltaik gedeckt. Kein Erneuerbare-Energien-Förderprogramm der Welt kann Biblis auch nur annähernd ersetzen, jedenfalls nicht sofort.

          Viele Stromfresser

          Appelle, wir müssten unsere Lebens- und Produktionsweise von Grund auf ändern, führen zu nichts. Da ist Hilfe eher von tüchtigen Ingenieuren zu erwarten als von Verzichtsaposteln. Auch ist die Old Economy längst nicht mehr der einzige Stromfresser: Ein einziger Internetknoten in Frankfurt verbraucht im Jahr so viel Strom wie eine Stadt mit 80.000 Einwohnern. Woher nehmen, und zwar nicht erst 2030? Auf diese Frage müssten die Abschaltbefürworter eine Antwort geben. Sie kann ehrlicherweise nur lauten: noch eine ganze Weile aus Kohle- oder Gaskraftwerken, auch aus neuen.

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