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Kommentar zu Armutszuwanderung : Region profitiert, Städte leiden

  • -Aktualisiert am

Zwar dürfte das Rhein-Main-Gebiet als Ganzes von der Zuwanderung aus Südosteuropa profitieren. Für eine Stadt wie Offenbach aber überwiegen die Nachteile die Vorteile der neuen Freizügigkeit bei weitem.

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          Die Zahlen der Arbeitsagentur sind bemerkenswert: Die Arbeitslosigkeit unter Bulgaren und Rumänen ist in Hessen unterdurchschnittlich. Die meisten von ihnen arbeiten und zahlen ein in die Rentenkasse, die Krankenkasse und die Pflegeversicherung. Sie entrichten Steuern, sie gehören dazu. Männer und Frauen wie sie brauchen das Land und die prosperierende Rhein-Main-Region sowieso. Wer das nicht glaubt, sollte bei Gelegenheit die Betreiber von Seniorenheimen oder Pflegediensten fragen, die händeringend Fachkräfte suchen.

          Dass nicht nur gut ausgebildete oder wenigstens lernwillige Bulgaren und Rumänen nach Deutschland kommen, gehört zur Wahrheit. Schon wenige hundert von ihnen können das Gesicht einer Stadt verändern, wenn sie wie in Frankfurt auf der Straße leben und betteln oder sich wie in Offenbach in bestimmten Vierteln niederlassen.

          Fachkräfte und Außenseiter

          So wie deutsche Unternehmen nun auf neue Kunden im Südosten hoffen, zieht es von dort Fachkräfte, aber auch Außenseiter in den reichen Westen. Sie lassen sich dort nieder, wo die Mieten günstig und die Chancen auf Arbeit hoch sind. Beides trifft auf Städte wie Hanau und Offenbach zu.

          Diejenigen, die derzeit den Weg nach Deutschland suchen und finden, fallen nicht vom Himmel. Dass die neue Freizügigkeit Wanderungen auslösen würde, war so vorhersehbar wie deren Richtung. Zu groß sind die Wohlstandsunterschiede zwischen den alten und den neuen EU-Staaten, als dass alles beim Alten bleiben würde. Und zu frisch sind die Erinnerungen an die vorherige Ost-Erweiterung, als Tausende Polen, Tschechen und Slowaken nach Deutschland kamen. Seinerzeit blieb übrigens ein Ansturm in der befürchteten Größe aus, als die neuen EU-Bürger volle Freizügigkeit erhielten. Auch die derzeit prognostizierten 100.000 bis 180.000 Zuwanderer aus Südosteuropa haben kaum das Potential, den deutschen Sozialstaat aus den Angeln zu heben.

          Nachteile für Offenbach

          Die betroffenen Kommunen rufen zu Recht nach Hilfe der höheren Ebenen. Zwar dürfte das Rhein-Main-Gebiet als Ganzes von der Zuwanderung profitieren. Für eine Stadt wie Offenbach aber überwiegen die Nachteile die Vorteile der neuen Freizügigkeit bei weitem. Aus eigener Tasche kann die hochverschuldete Kommune die neuen Herausforderungen nicht meistern. Das Geld, das sie sich von Bund und Land erhofft, um die Neuankömmlinge in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu fördern, wäre gut angelegt. Ein Selbstläufer ist die Integration nämlich nicht.

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