https://www.faz.net/-gzg-yhss

Kommentar : Zerstörtes Vertrauen

Die Schockwellen des Erdbebens vor Japan waren in Deutschland nur für Seismographen messbar. Die Störfälle in den fernöstlichen Atomkraftwerken erschüttern dagegen für alle spürbar die deutsche und auch die hessische Politik.

          Die Schockwellen des Erdbebens vor Japan waren in Deutschland nur für Seismographen messbar. Die Störfälle in den fernöstlichen Atomkraftwerken erschüttern dagegen für alle spürbar die deutsche und auch die hessische Politik. Auch Befürwortern der Kernenergie ist klar, dass die Debatte über die Energieversorgung nun anders geführt werden wird, selbst wenn in Japan das Schlimmste noch verhindert werden kann. Wenn man in Deutschland einem Land zubilligt, mit technischen Risiken noch gewissenhafter umzugehen als man selbst, dann ist das Japan. Nun hat selbst der Musterschüler versagt.

          Da hilft auch der Hinweis wenig, dass für die hiesigen Kraftwerke wie Biblis die Gefahren durch Erdbeben und Überschwemmungen unvergleichlich geringer sind. Gerade für die südhessischen Blöcke wird stattdessen nun das Schreckensszenario eines Terrorangriffs wieder stärker in den Vordergrund treten. Das Vertrauen, dass die Sicherheitssysteme einem Stresstest tatsächlich in jedem Fall standhalten, ist zerstört. Es wird sich nicht wieder herstellen lassen.

          Die Landesregierung wird wohl um ein neues energiepolitisches Konzept nicht herumkommen

          Die hessische Landesregierung muss auf die neue Situation eine Antwort geben. Dass in zwei Wochen Kommunalwahlen sind, macht die Lage nicht einfacher. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat am Wochenende zunächst das Naheliegende getan und beschwichtigt. Er kann nur hoffen, dass Biblis-Betreiber RWE und Bundesregierung die Sorgen der Bevölkerung mit den richtigen Worten und Taten aufgreifen.

          Auf mittlere Sicht wird die Landesregierung nicht umhinkommen, ein neues energiepolitisches Konzept vorzulegen. Der Ehrgeiz, was den Ausbau der erneuerbaren Energien angeht, lässt sich durchaus steigern. Zugleich wird Wiesbaden aber der Bevölkerung klarmachen müssen, dass es ohne fossile Energieträger bis auf weiteres nicht geht. Wer den Anteil der Kernenergie senken und nicht einfach Atomstrom aus dem Ausland kaufen will, muss sich mit Gas- und Kohlekraftwerken anfreunden.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.