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Kommentar : Wohnen im Tourismuszentrum

Wer am Wochenende durch die Warschauer Altstadt flaniert, geht im Strom der Touristen unter. Im Winter tummeln sich die Besucher auf dem Weihnachtsmarkt.

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          Wer am Wochenende durch die Warschauer Altstadt flaniert, geht im Strom der Touristen unter. Im Winter tummeln sich die Besucher auf dem Weihnachtsmarkt, im Sommer belagern sie die Stände der Souvenirhändler und Straßenkünstler. Sie kommen nicht nur aus dem Ausland, sondern zu großen Teilen aus anderen Gegenden Polens. Und sie haben das originalgetreu rekonsturierte Weltkulturerbe, das im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten sinnlos und systematisch zerstört wurde, fest in der Hand.

          Um Warschaus Altstadt, deren Wiederaufbau als Symbol für das Überleben der polnischen Kultur gedeutet wird, ist ein Konflikt ausgebrochen. Die Parteien sind die schaulustigen Touristen auf der einen und die Wohnbevölkerung auf der anderen Seite. Die Warschauer Zeitungen schreiben von einer „Schlägerei um die Altstadt“ und fürchten „Ein mit einem Basar verbundenes Museum“. Und die Warschauer, die dort nicht wohnen, erzählen, dass sie ihre Altstadt meiden.

          Will man hier leben?

          Auch in Frankfurt droht die Gefahr, dass mit der teilweisen Rekonstruktion der Altstadt auf dem Dom-Römer-Areal ein Viertel entsteht, in das kaum ein Frankfurter seinen Fuß setzen wird. Es gilt, durch eine überlegte Steuerung der Nutzungen und eine kluge Ansiedlung von öffentlichen Institutionen, die interessante Folgeeinrichtungen nach sich ziehen, ein weitgehend „normales“ Stadtviertel zu prägen.

          Warschau hatte der Kommerzialisierung der Altstadt, die mit dem Fall des Kommunismus überraschend anzog, wenig entgegenzusetzen. In Frankfurt hingegen kann man das Touristenspektakel vorhersehen und Fehler vermeiden. Die Stadt muss sowohl den Ansprüchen der auswärtigen Besucher nach Unterhaltung und Attraktionen als auch der Wohnbevölkerung nach Ruhe gerecht werden. Die entscheidende Frage lautet aber: Will man hier leben?

          Und noch eines kann Frankfurt von Warschau lernen. Die Warschauer sind überzeugt, dass die Rekonstruktion des Erinnerungsorts sinnvoll war. Ohne ihn wäre die Stadt eine graue Maus.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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