https://www.faz.net/-gzg-79fnp

Kommentar : Vertrauenspersonen

Das Kultusministerium liegt nicht nur aus juristisch-taktischen Gründen richtig, wenn es die Kettenvertragspraxis einschränkt. Ganz ohne Zeitverträge wird das Land allerdings auch künftig nicht auskommen. Der Bedarf an Pädagogen schwankt.

          1 Min.

          Unter Titeln wie „Lehrer als Saisonkräfte“ und „In den Sommerferien zum Arbeitsamt“ wurde in den vergangenen Jahren immer wieder darüber berichtet, dass sich Lehrkräfte jahrelang von Vertretung zu Vertretung hangeln. Viele von ihnen wissen nicht, ob sie nach dem Ende ihres Zeitvertrags einen neuen bekommen, manche müssen mit Beginn der Sommerferien sogar zum Arbeitsamt gehen, weil sie nicht wissen, ob sie im folgenden Schuljahr wieder unterrichten können.

          Die Auswüchse der Befristungspraxis sind zu Recht angeprangert worden. Das Land muss auch als Arbeitgeber vorbildlich sein und darf seine Angestellten nicht mehr als zehn Jahre im Ungewissen lassen. Die Gießener Arbeitsrichter haben unter anderem darauf aufmerksam gemacht, dass eine Familienplanung unter solchen Bedingungen kaum möglich ist. Und wenn eine Lehrerin 14 Verträge in Folge erhält, scheint sie sich im Schulalltag trotz schlechter Examensnote bewährt zu haben.

          Ebenso wie die Rechte der Arbeitnehmer sind die Bedürfnisse der Schüler zu beachten. Lehrer sind Bezugs- und im besten Fall auch Vertrauenspersonen. Um diese Rolle ausfüllen zu können, brauchen auch sie Vertrauen, also stabile, verlässliche Arbeitsbedingungen. In der Praxis sind die sogenannten Vertretungslehrer oft voll in das Kollegium integriert, sie übernehmen Verantwortung für Klassen, führen Elterngespräche, bauen Kontakte zu Vereinen, zur Schulsozialarbeit und Praktikumsbetrieben auf. Dazu passt keine Beschäftigung, die von Monat zu Monat enden oder an einer anderen Schule fortgesetzt werden kann.

          Das Kultusministerium liegt also nicht nur aus juristisch-taktischen Gründen richtig, wenn es die Kettenvertragspraxis einschränkt. Dem Beispiel Hessen werden andere Bundesländer womöglich folgen. Dazu passt auch die Ankündigung, zum nächsten Schuljahr die sogenannte mobile Vertretungsreserve auszubauen, die aus unbefristet angestellten Lehrern besteht.

          Ganz ohne Zeitverträge wird das Land allerdings auch künftig nicht auskommen. Der Bedarf an Pädagogen schwankt, darauf muss der Arbeitgeber reagieren können. Auf der einen Seite nähern sich viele Lehrkräfte dem Pensionsalter, andererseits gehen die Schülerzahlen zurück, allerdings nicht überall, in Frankfurt steigen sie sogar. Ein Mindestmaß an Flexibilität muss man dem Arbeitgeber zubilligen. Nicht zuletzt ist ein Zeitvertrag auch eine Chance. Nicht wenige Lehrer, die heute Beamte sind, hätten ohne eine befristete Beschäftigung ihren Beruf verpasst.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Viele Lokale kurz vor der Insolvenz

          Folgen der Corona-Krise : Viele Lokale kurz vor der Insolvenz

          Wegen der Corona-Krise sind viele Gastronomiebetriebe in Hessen insolvenzgefährdet. Im Bundesländer-Vergleich geht es Gastronomen in Hessen dennoch vergleichsweise gut, wie eine eine Studie zeigt.

          Topmeldungen

          Eine Frau mit einer Packung Eier – im Hintergrund das Kapitol in Havanna

          Corona-Krise auf Kuba : Schlimmer als die Pandemie

          In Kuba setzt die Regierung strenge Maßnahmen gegen Corona ein. Noch härter als die Pandemie trifft die Menschen jedoch die Lebensmittelkrise. Das Land schlittert in eine immer schwierigere Situation.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump bei einer Wahlveranstaltung

          Donald Trump : „Deutschland will mich abgewählt sehen“

          Das deutsch-amerikanische Verhältnis hat sich unter Donald Trump erheblich verschlechtert. Der amerikanische Präsident ist sich sicher, dass seine Niederlage nicht nur von China und Iran, sondern auch von Deutschland begrüßt werden würde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.