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Kommentar : Unter Wahrsagern

Der Versuch, die quirlige Welt des Einzelhandels in Gutachten und Konzepte zu zwingen, ist ebenso ehrenhaft wie vergeblich. Wahrsagerei sollte nicht Grundlage von Politik werden.

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          Der Versuch, die quirlige Welt des Einzelhandels in Gutachten und Konzepte zu zwingen, ist ebenso ehrenhaft wie vergeblich. Das zeigt auch die am Mittwoch vorgestellte Studie über die Perspektiven dieser Branche in Frankfurt bis 2020. Wer zu wissen glaubt, auf wie vielen Quadratmetern man in jenem fernen Jahr in Frankfurt Bücher verkaufen wird oder Möbel, könnte seine Fähigkeiten vielleicht zuerst bei der vergleichsweise einfachen Prognose der Lottozahlen beweisen. Wahrsagerei sollte nicht Grundlage von Politik werden.

          Das ist das eine. Das andere ist das holzschnittartige Bild des Handels, das in solchen Gutachten und den daraus entwickelten verbindlichen Konzepten gezeichnet wird. Es ist zulässig und überhaupt nicht falsch, wenn die Politik das Ziel ausgibt, Innenstädte und Stadtteile zu stärken. Aber sie ist nur einer von drei Spielern. Die anderen sind die Kunden und die Investoren, die in den Papieren regelmäßig nicht vorkommen.

          Natürlich darf der Handel behutsam gesteuert werden

          Die Kunden kaufen einmal in den Zentren ein und dann draußen an den Autobahnabfahrten, manchmal auch in den Zwischenlagen, an den Ausfallstraßen also und in den Fachmarktzentren. Nach den Möbelgeschäften sind längst auch Fahrradläden, Schuhgeschäfte und Märkte für Heimtierbedarf an der Peripherie zu finden. Möbelgeschäfte wiederum verkaufen heutzutage nun einmal auch Töpfe und Topflappen. All dies zu verteufeln, gar Listen auszuarbeiten mit Produkten, die nur in Stadtkernen angeboten werden dürfen, gleicht dem Versuch, die Zeit zurückzudrehen. Das wünscht man sich auch sonst manchmal. Aber auch das sollte nicht zu Politik werden.

          Natürlich darf der Handel behutsam gesteuert werden. Wer Innenstädte stärken will, soll die Einkaufsstraßen auf Vordermann bringen. Er soll darauf achten, dass man vor Supermärkten parken kann. Vielleicht muss die Frankfurter Oberbürgermeisterin die Geschäftsleute einmal so lange im Römer einschließen, bis sie ihrem Charme erlegen sind und sich endlich auf einheitliche Öffnungszeiten für die Zeil geeinigt haben. Aber es sollte nicht Mode werden, Investitionen zu verhindern.

          Imageschaden für die Region

          Die Einzelhandelspolitik Frankfurts und des Ballungsraums ist rigide genug. Die Investition von Segmüller in Bad Vilbel steht auf Messers Schneide, weil nach dem regionalen Handelskonzept nur eine Mini-Fläche fürs übliche Randsortiment zulässig ist und nicht klar scheint, ob die Praktiker unter den Planern Oberhand gewinnen und sich ein Kompromiss erzielen lässt. Ein Scheitern bedeutete nicht zuletzt einen Imageschaden für die Region.

          Dem rührigen Einzelhandels-Lobbyisten Albrecht geht die ohnedies weitreichende Regulierung aber nicht weit genug. Er möchte zwei Bauvorhaben in Frankfurt verhindern. Wenigstens hier aber erinnert man sich im Magistrat, dass in einem freien Land der Staat der Wirtschaft bloß den Rahmen vorgeben soll.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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