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Kommentar : Unglaubwürdige Drogenpolitik

Illegal, aber unter Schülern beliebt: Kiffen Bild: dpa

In den Augen der Generation Youtube ist Rauchen etwas für alte Leute, die mit der Kippe in einer dunklen Ecke stehen, weil ihnen die Sucht keine andere Wahl lässt. Uncool eben. Bei Cannabis sieht es anders aus.

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          Im Internet kursiert ein Video, das „Marlene Mortler, Inkompetenz in Person“ heißt. Kein sehr schmeichelhafter Titel für die Drogenbeauftragte der Bundesregierung und auch ansonsten einer jener polemischen Beiträge, wie sie für die Diskussionskultur auf Youtube typisch sind.

          Aber die CSU-Bundestagsabgeordnete liefert ihren meist jugendlichen Kritikern, die das Video zigtausendfach „geliked“ haben, auch ziemlich steile Vorlagen. Auf die Frage, warum trotz der vielen Menschen, die an Alkoholmissbrauch sterben, saufen erlaubt und kiffen verboten sei, fällt ihr keine andere Antwort ein als: „Weil Cannabis eine illegale Droge ist. Punkt.“

          Gefahren von Rauschgiften

          Das Beispiel zeigt, wie weit die Diskussion um Gebrauch und Missbrauch von Drogen von der Alltagswelt der Jugendlichen entfernt ist. Noch mehr: Es zeigt, dass sich manche Entscheidungsträger überhaupt nicht inhaltlich mit den Gefahren von Rauschgiften auseinandersetzen, sondern sich darauf zurückziehen, dass die einen nun einmal verboten und die anderen erlaubt sind.

          Dass etwas verboten ist, hat noch wenige Jugendliche davon abgehalten, es auszuprobieren. Zumindest dann, wenn die subjektive Einschätzung die tatsächliche Gesundheitsgefahr so gering erscheinen lässt wie beim Kiffen. Viele Jugendliche verweisen darauf, dass das Konsumieren von Alkohol ja auch legal, gesellschaftlich anerkannt und teils sogar erwünscht ist - trotz Risikos von Abhängigkeit und Gesundheitsschäden. Und manche ziehen daraus den falschen Schluss, dass Kiffen ja nicht so schlimm sein könne.

          Tatsache ist, dass die meisten Menschen, die ab und zu etwas trinken, dadurch nicht zu Süchtigen werden. Dasselbe gilt für den Konsum von Cannabis. Über die bestehenden Risiken muss aber aufgeklärt werden. Der schulterzuckende Verweis auf geltendes Recht kann diese Diskussion nicht ersetzen, er erschwert sie höchstens, weil er folgenlos bleibt und unglaubwürdig macht.

          Das Beispiel der Zigarette zeigt, wie wirkungsvoll Aufklärung sein kann. Sie hat, verbunden mit Werbebeschränkung, vor allem aber mit dem Rauchverbot in Bars und Clubs, die Zahl jugendlicher Nikotin-Abhängiger stark sinken lassen. In den Augen der Generation Youtube ist Rauchen etwas für alte Leute, die mit der Kippe in einer dunklen Ecke stehen, weil ihnen die Sucht keine andere Wahl lässt. Uncool eben.

          Weniger Alkohol, mehr Cannabis

          Alkohol und Zigaretten sind für Jugendliche weniger wichtig, Cannabis hingegen wird immer beliebter. Das geht aus der aktuellen Drogenstudie „MoSyD“ hervor, die am Montag vorgestellt wurde. Seit 14 Jahren befragt das „Centre for Drug Research“ der Goethe-Universität im Auftrag des Drogenreferats jährlich mehr als 1000 Schüler zwischen 15 und 18 Jahren.

          Positive Nachrichten: Der Erstkonsum von Drogen findet immer später statt, und die Zahl der Jugendlichen, die keinerlei Erfahrungen mit Drogen haben, steigt. Allerdings ist auch der Konsum harter Drogen unter Frankfurter Jugendlichen leicht angestiegen, dabei handelt es sich fast ausschließlich um Ecstasy. (dpa)

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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