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Kommentar : Sterndeuten in Wiesbaden

Frankfurt, dessen Vertreter im übrigen Hessen durch alle Parteien hindurch nicht besonders wohlgelitten sind, kommt im System Bouffier gut weg. Das zeigt die Liste der neuen CDU-Minister.

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          Volker der Milde: Lediglich ein CDU-Minister hat die Regierung zu verlassen, und das auch nur, weil er eine wichtigere Aufgabe im Parlament übernehmen soll - Michael Boddenberg wird Fraktionsvorsitzender. Zwei Neue dürfen zeigen, was sie können, und das gleich in Kernressorts: Peter Beuth im Innenministerium und Alexander Lorz im Kultusressort. Ansonsten dreimal Kontinuität (Finanzen, Soziales und Staatskanzlei) und dreimal Versetzung (Justiz, Wissenschaft, Bundesangelegenheiten).

          Bouffier befand sich in einer komfortablen Ausgangssituation, da seiner Partei ein zusätzliches Ministerium zufällt. Und so hat er die durchwachsenen Leistungen von Lucia Puttrich, Eva Kühne-Hörmann und Boris Rhein mit Rochaden in Häuser minderen Ranges nur sanft bestraft. Die Frauen in der CDU wissen jetzt, dass sie sich zu Fototerminen neben dem Ministerpräsidenten zeigen dürfen, aber keineswegs auf automatische Beförderung hoffen sollten.

          System Bouffier

          Boris Rhein hat es von den Verlierern am besten getroffen. Das Wissenschaftsressort ist weniger konfliktbehaftet als das Innenministerium, er kann sich auf einem intellektuell anspruchsvollen Gebiet bewähren, und die Hundertjahrfeier der Universität in seiner Heimatstadt Frankfurt verschafft ihm gleich eine Reihe angenehmer Auftrittsmöglichkeiten.

          Überhaupt kommt Frankfurt, dessen Vertreter im übrigen Hessen durch alle Parteien hindurch nicht besonders wohlgelitten sind, im System Bouffier gut weg. Außer Boddenberg und Rhein ist da noch Bernadette Weyland, die überraschenderweise Staatssekretärin im Finanzministerium wird. Selbst intime Kenner der Frankfurter CDU sind sich nicht sicher, ob das Weylands Chancen auf eine Kandidatur bei der Oberbürgermeisterwahl 2018 erhöht oder verringert. Und ob Bouffier das eine oder das andere überhaupt bezweckt.

          Herr des Verfahrens

          Rätselraten gilt auch der Frage, wer eines Tages Bouffier beerben könnte, auch wenn manches für Finanzminister Schäfer spricht. Die Kunst, vieldeutige Zeichen zu senden, um selbst als Herr des Verfahrens dazustehen und die Betroffenen in Unsicherheit zu lassen, beherrscht der Ministerpräsident vorzüglich. Allerdings muss sich die Regierung von Montag an nicht mehr nur mit sich selbst, sondern auch wieder mit konkreten Sachfragen befassen. Und das wird dafür sorgen, dass der Stern des einen sinkt und der eines anderen aufgeht, auch ohne Zutun des Ministerpräsidenten.

          Matthias Alexander

          Redakteur im Feuilleton.

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