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Kommentar : Stadtentwicklung ist kein Zahlenspiel

Frankfurt wächst enorm, doch der Wohnraum wird auf lange Sicht knapp. Die Lebensqualität darf durch Massen neuer Wohnungen nicht schrumpfen. Andere Städte sind da progressiver.

          Frankfurt wächst, und zwar gewaltig. Jede Woche steigt die Einwohnerzahl um 280 neue Frankfurter - nach Abzug der Wegzüge und Todesfälle. Allein in diesem Jahr rechnet die Stadt mit etwa 14 000 neuen Einwohnern. Das entspricht einer Kleinstadt, die sich auf den Weg in die Großstadt macht - mit allen Bedürfnissen an Wohnraum, Arbeitsplätzen, Kinderversorgung und Schulbildung. Ein Drittel des Wachstums entfällt auf den Geburtenüberschuss, es bleiben zwei Drittel Zuzüge. Will man die alle unterbringen, braucht Frankfurt etwa 3400 neue Wohnungen pro Jahr.

          Das ist eine gigantische Zahl. Anders als in den Vorjahren, als nur rund 2000 Wohnungen jährlich hinzukamen, kann der Bedarf in diesem Jahr gestillt werden. Bauanträge für 5310 Wohnungen wurden 2013 genehmigt, so viele wie seit fünfzig Jahren nicht. Doch die Stadt darf sich darauf nicht ausruhen. Denn heute werden die Gebiete bebaut, die vor zwanzig Jahren geplant wurden.

          Besser Klasse statt Masse

          Die Baulandreserve reicht noch für rund 30000 Wohnungen. Geht es mit dem Bevölkerungswachstum so weiter, ist die Flächenreserve in neun Jahren aufgebraucht. Und wegen des Ärgers, den sich die Stadt mit der Ausweisung jedes einzelnen neuen Baugebiets einhandelt, ist längst nicht gesagt, dass die Flächenreserve auch in vollem Umfang genutzt werden kann.

          Frankfurt ist daher dringend auf weitere Projekte angewiesen. Statt sich intern zu bekriegen, sollte der Magistrat lieber mit vereinten Kräften daran arbeiten. Warum reisen der Oberbürgermeister und der Planungsdezernent nicht gemeinsam nach Berlin, um beim Bund für die Einhausung der A 661 zu werben? Dort gäbe es innenstadtnah Platz für 10 000 Einwohner.

          Im Moment geht es vor allem um Masse. Aber die Stadtentwicklung darf nicht zum reinen Zahlenspiel werden. Die Stadtplaner müssen aufpassen, dass Frankfurt durch die Verdichtung nicht unattraktiv wird. Massenwohnungsbau ist mit der Lebensqualität der hiesigen Bevölkerung nur bedingt vereinbar. Und viele wollen auch anders wohnen: In Berlin tun sich individuelle Bauherren in kleinen Gruppen zusammen, um gemeinsam unkonventionelle Projekte zu realisieren. In Frankfurt gibt es dafür zu wenig Raum.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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