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Kommentar : Sprechende Objekte

Das „Museum für Angewandte Kunst“ heißt fürderhin „Museum Angewandte Kunst“. Warum man auch hier der Tendenz folgt, harmlose kleine Präpositionen zu verschlucken, bleibt rätselhaft.

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          Das Tempo, mit dem das Haus im Inneren umgestaltet wurde, ist erstaunlich. In nur fünf Monaten ist der Richard-Meier-Bau, unter den postmodernen Museen in Deutschland gewiss eines der schönsten, gründlich erneuert worden. Die ursprüngliche Idee eines transparenten, auf die Umgebung bezogenen, lichten Gebäudes wird wieder sinnlich erfahrbar. Vorbei sind die Zeiten, als vor lauter Vitrinen, die freilich der Architekt selbst stets als notwendige Gestaltungsmittel verteidigte, die Exponate buchstäblich in der Versenkung verschwanden und allenthalben Einbauten die Sicht verstellten.

          Aber nicht nur die Räumlichkeiten zeigen sich in frischer Klarheit und Eleganz, auch das Konzept der Institution hat sich gewandelt. Matthias Wagner K, seit August vorigen Jahres Direktor des früheren Museums für Kunsthandwerk in Frankfurt, setzt auf offene Präsentationen, in denen es vornehmlich um Kulturgeschichte und Lebenswelten geht. Die Objekte sollen zum Sprechen gebracht werden. Und er legt den Schwerpunkt auf zeitgenössisches Design.

          Der Innovationsschub bringt auch eine abermalige Namensänderung mit sich: Das „Museum für Angewandte Kunst“ heißt fürderhin „Museum Angewandte Kunst“. Warum man auch hier der Tendenz folgt, harmlose kleine Präpositionen zu verschlucken, bleibt rätselhaft. Diese überflüssige, weil sprachlich absurde Verdeutlichung eines Neuanfangs trübt die Freude über das stillschweigende Verschwinden des verzitterten alten Logos, das auch so ungeheuer zeitgenössisch sein wollte, beträchtlich.

          Völlig neu erfinden lassen sich Museen ohnehin nicht. Schließlich sind sie ihren Sammlungen verpflichtet. Diese allerdings in einer Weise zu zeigen, die mehr Menschen anspricht als einen kleinen Kreis von Kennern und Liebhabern, ist gerade für ein Museum wie das nunmehr vor der Wiedereröffnung stehende Haus am Sachsenhäuser Ufer von entscheidender Bedeutung. Andernfalls fällt es heute schwer, eine solche Einrichtung zu legitimieren. Das Museum für Angewandte Kunst wird damit künftig wohl keine Schwierigkeiten mehr haben. Es erfüllt einen Bildungsauftrag und macht Lust, sich auf seine Inhalte einzulassen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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