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Kommentar : Sie ist die Letzte

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Dieser Auftritt der Zeitzeugin Trude Simonsohn heute in der Frankfurter Paulskirche wird vielleicht einmal als denkwürdiges Ereignis bezeichnet werden. Mit Trude Simonsohn und ihren Mitstreitern geht eine Ära zu Ende.

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          Dieser Auftritt der 91 Jahre alten Zeitzeugin Trude Simonsohn heute in der Frankfurter Paulskirche beim Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938 wird vielleicht einmal als denkwürdiges Ereignis bezeichnet werden. Denn er dürfte einer der letzten seiner Art gewesen sein. Schließlich gibt es nicht mehr viele Holocaust-Überlebende, die Verfolgung und Lager am eigenen Leib erfahren haben. Bald wird niemand mehr mit seiner Lebensgeschichte dafür einstehen können, dass Theresienstadt oder Auschwitz reale Stätten des Grauens und der Vernichtung gewesen sind.

          Zeitzeugen wie Frau Simonsohn oder Irmgard Heydorn, ihre tapfere Mitstreiterin aus dem deutschen Widerstand, haben bei ihren Besuchen in Schulen und Gemeinden unzähligen Nachgeborenen die monströse Geschichte aus der Perspektive des einzelnen Menschen erzählt und sie damit nachfühlbarer und verständlicher gemacht. Wer wird die künftigen Generationen glaubhaft an das damalige Menschheitsverbrechen erinnern und ihnen die Verpflichtung abverlangen, alles zu tun, um eine Wiederholung zu verhindern?

          Mantel des Vergessens

          Je weiter Drittes Reich und Holocaust zurückliegen, umso mehr werden sie zu verblassenden geschichtlichen Ereignissen. Wie Vergessen funktioniert, sieht man an den Denkmalen für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die in fast jeder Stadt und jedem Dorf in Deutschland, Österreich oder Frankreich stehen. Den heutigen Generationen sagen diese in Stein gehauenen Erinnerung an dieses erste große Morden nichts mehr. Die Ehrenmale gehören zur Folklore der Orte, die meisten gehen gedankenlos vorbei.

          Ob die vielen Gedenkstätten vom Holocaust-Mahnmal in Berlin bis zu der Mauer des alten jüdischen Friedhofs in Frankfurt, auf der die Namen aller 12.000 ermordeten Frankfurter Juden verzeichnet sind, verhindern können, dass sich ganz langsam der Mantel des Vergessens über jene zwölf Jahre des Unrechts legt? Halten die „Stolpersteine“, die auf den Bürgersteigen an deportierte Männer, Frauen und Kinder erinnern, den Gedächtnisverlust auf? Werden die Nachfolgenden die vielen Bücher, Archive, Museen zu diesem Thema überhaupt nutzen? Dafür gibt es keine Garantie.

          Wir wissen nur, dass mit Trude Simonsohn und ihren Mitstreitern eine Ära zu Ende geht. Sie werden den Jungen keine Lehren mehr geben können. Vielmehr werden sie künftig aus eigenem Antrieb Lehren aus den Katastrophen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ziehen müssen.

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