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Kommentar : Serienmörder unter uns

LKA-Beamte im September 2014 vor der Garage, in der damals Leichenteile entdeckt wurden. Bild: dpa

In Schwalbach lebte ein Mörder, der seine bürgerliche Fassade offenbar perfekt wahrte. „Ein guter Typ“, wie es der Kollege aus einer Jazz-Band formuliert. Zu dem Fall gehört auch eine unangenehme Wahrheit.

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          Wer 1998 im Rhein-Main-Gebiet lebte, die Nachrichten verfolgte und kein Herz aus Stein hat, erinnert sich an Tristan Brübach. An jenen blonden Jungen, der in Höchst umgebracht wurde. Unter den Morden, die in den vergangenen Jahrzehnten nicht aufgeklärt werden konnten, ist sein Fall den Frankfurtern besonders nahe gegangen. Weil das Opfer ein Kind war. Weil es mit besonderer Brutalität umgebracht wurde. Weil es keine heiße Spur gab. Die Ermittler wiederum scheint das alles bei der Verfolgung der wenigen Spuren besonders motiviert zu haben. Immer wieder wurde die Akte Tristan neu geöffnet.

          Nun scheint der Fall kurz vor der Aufklärung zu stehen. Wenn die Polizei öffentlich die Mutmaßung äußert, der Schwalbacher Prostituiertenmörder könnte auch Tristan getötet haben, dürfte sie sehr schwerwiegende Indizien für ihren Verdacht haben. Es wäre ein Erfolg für die Polizei, die ihre ohnehin beeindruckende Aufklärungsrate bei Tötungsdelikten weiter steigern könnte.

          Aber es bleiben doch auch beunruhigende Aspekte. In Schwalbach lebte ein Mörder, der seine bürgerliche Fassade offenbar perfekt wahrte. „Ein guter Typ“, wie es der Kollege aus einer Jazz-Band formuliert. Auch in seiner Familie scheint niemand etwas geahnt zu haben. Man möchte nicht in der Haut der Angehörigen stecken, die die Fässer mit den Leichenteilen gefunden haben.

          Jetzt mussten sie noch erfahren, dass Manfred S. offenbar ein Serienmörder war. Wäre er nicht 2014 gestorben, niemand wäre ihm wohl bisher auf die Spur gekommen, die er aus welchen Gründen auch immer in der angemieteten Garagen hinterlassen hat. Und er hätte womöglich weitere Taten verübt.

          Zu dem Fall gehört auch die unangenehme Wahrheit, dass mehrere Prostituierte im Rhein-Main-Gebiet auf ähnliche Weise getötet werden konnten, ohne dass nach einem Serienmörder gesucht worden wäre. Die Polizei muss sich fragen, ob sie in diesen Fällen den gleichen Aufwand getrieben hat wie im Fall Tristan. Und wir alle müssen uns fragen, ob der Mord an Prostituierten uns viel weniger berührt als der an einem Kind.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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