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Kommentar : Sehr konkrete Bedrohung

Suche nach Beweismitteln: Polizisten vor der Wohnung in Oberursel, in der zwei Terrorverdächtige festgenommen wurden Bild: Helmut Fricke

Man kann nur hoffen, dass alle Wohlmeinenden ihre Lehren aus dem verhinderten Terroranschlag im Rhein-Main-Gebiet ziehen. Politik und Justiz müssen endlich Mittel finden, entschiedener gegen salafistische Umtriebe vorzugehen.

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          Es ist noch einmal gut gegangen. Dazu musste aber auch einiges zusammenkommen: Die Aufmerksamkeit einer Baumarktmitarbeiterin, die Hartnäckigkeit der ermittelnden Sicherheitsbehörden und die offenbar fehlende Umsicht der (verhinderten) Täter. Angesichts dieser Verkettung glücklicher Umstände gehört nicht besonders viel Pessimismus dazu, sich auszumalen, dass es irgendwann zum Ernstfall kommen wird.

          Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Tatort der Terroristen dann im Rhein-Main-Gebiet befinden wird, ist groß. Das wäre die traurige Konsequenz aus der Tatsache, dass Frankfurt und sein Umland die „internationalste“ Region in Deutschland sind. Wo die Gesellschaft am offensten und unübersichtlichsten ist, ist sie auch besonders gefährdet durch ihre Feinde. Wohl nirgendwo sonst hierzulande funktioniert das Zusammenleben einer Vielzahl von Ethnien so reibungslos wie in Rhein-Main. Nirgends sonst leben aber auch so viele Salafisten und andere radikale Muslime wie hier, die diese Vielheit als Zumutung empfinden und deshalb zerstören möchten.

          Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) benutzte am Donnerstag immer noch die beschwichtigende Formel der „abstrakt hohen Gefährdung“ durch islamistische Fanatiker. Diese Sprachregelung hat sich mit den Anschlagsplänen von Oberursel erledigt. Die Bedrohungslage, die in den vergangenen Monaten in Bremen und in Braunschweig noch vage geblieben war, ist nun mit Händen greifbar. Seit der Festnahme der Sauerland-Gruppe im Jahr 2007 und dem gescheiterten Anschlag am Bonner Hauptbahnhof vor drei Jahren  war die Gefahr nicht mehr so konkret.

          Man muss hoffen, dass alle Wohlmeinenden ihre Lehren aus Oberursel ziehen. Dazu gehört, dass die immer noch erstaunlich mehrheitsfähigen Einschränkungen für die Arbeit der Sicherheitsbehörden reduziert werden. Von Politik und Justiz darf man erwarten, dass sie endlich Mittel finden, entschiedener gegen salafistische Umtriebe wie etwa die „Lies“-Kampagne und gegen Auftritte von Hasspredigern vorzugehen. Und jeder Bürger ist angehalten, wachsam zu sein, ohne darüber hysterisch zu werden. Die offene Gesellschaft muss wehrhaft und gelassen zugleich sein. Das ist leider schwieriger, als Bomben zu bauen, und auch schwieriger, als alle Muslime zu potentiellen Bombenlegern zu erklären.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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