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Kommentar : Schwer erträglicher Alarmismus

  • -Aktualisiert am

Steigt das Risiko für Herzerkrankungen durch eine erhöhte Eierzufuhr? Bild: dpa

Laut der „Kangbuk Samsung Health Study“ haben Forscher festgestellt, „dass sich das Risiko für Herzerkrankungen durch erhöhte Eierzufuhr zunehmend erhöht“. Ist das korrekt?

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          Kein Frühstück ohne ein schönes, weiches Ei – und sonntags auch mal zwei. Wer diese goldene Regel beherzigt, kommt in den Genuss einer höheren Lebensqualität. Allerdings muss er die Warnungen der blassen, immer krank aussehenden Zeitgenossen ignorieren, die nichts unversucht lassen, anderen die Freude am bodenständigen Essen zu verderben.

          So stößt man etwa in der Fachzeitschrift „Atherosclerosis“ auf einen Bericht über die „Kangbuk Samsung Health Study“. Danach haben Forscher die Ernährung von 23 417 südkoreanischen Teilnehmern analysiert und dabei festgestellt, „dass sich das Risiko für Herzerkrankungen durch erhöhte Eierzufuhr zunehmend erhöht“. Diejenigen, die am meisten Eier gegessen haben, sollen im Vergleich zu denen mit dem geringsten Konsum eine um 80 Prozent höhere Verkalkungsrate der Koronararterien gehabt haben. Das klingt nicht gut, schockiert aber nicht jeden Verbraucher gleichermaßen.

          Diskussion legt die ideologischen Fronten im Lande offen

          Aber es gibt noch mehr Warnungen. „Nur ein Ei pro Woche vergrößert das Risiko für Diabetes um 76 Prozent.“ Auch das ist in einer großen Untersuchung nachgewiesen worden. So verbreitet es jedenfalls die Stiftung Provegan. Und damit die Botschaft auch wirklich ankommt, folgt dieser Hinweis: „Diabetes ist die führende Ursache für Beinamputationen, Nierenversagen und Erblindungen.“ Das braucht keiner. Aber es kommt noch schlimmer: „Männer, die alle drei Tage nur ein Ei essen, haben ein um 81 Prozent erhöhtes Risiko, an einem tödlichen Prostatakrebs zu erkranken.“ Auch das fanden „Wissenschaftler“ für „Provegan“ angeblich heraus.

          Stimmen wie diese haben in der Gesellschaft zu einem schwer erträglichen hysterischen Alarmismus geführt. Dass er nicht ganz ohne Wirkung geblieben ist, zeigt die politische Debatte über die mit Fipronil belasteten Eier.

          Die Diskussion legt die ideologischen Fronten im Lande offen. So hat der niedersächsische Ernährungsminister Christian Meyer (Die Grünen) Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Irreführung der Verbraucher und Verharmlosung vorgeworfen. Schmidt hatte die Gefahren angesichts der ihm vorliegenden Daten geringer eingeschätzt als Meyer und lag damit, wie sich jetzt zeigt, näher an der Realität.

          Meyer wird sich nicht grämen. Er hat die Erwartungen einer Klientel bedient, die nichts anderes von ihm hören wollte. Ein Grund zur Aufregung ist die ganze Angelegenheit nicht. Denn noch kann in diesem Land jeder nicht nur wählen, sondern auch essen, was er will.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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