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Kommentar : Schwarzer Peter für die Schulen

Man kann nur hoffen, dass die hessische Politik das G9-Comeback besser managt als seinerzeit die G8-Reform. Denn die Schulzeitverlängerung für bestehende Klassen ist ein Versuch mit unabsehbaren Konsequenzen.

          Nicht genug damit, dass die meisten Gymnasiasten bald wieder neun Jahre zur Schule gehen - nun sollen auch diejenigen, die schon bis zu drei Jahre unter G8-Bedingungen gelernt haben, noch zu G9 wechseln dürfen. Man kann nur hoffen, dass die Politik das G9-Comeback besser managt als seinerzeit die G8-Reform. Denn die Schulzeitverlängerung für bestehende Klassen ist ein Versuch mit unabsehbaren Konsequenzen.

          Das gilt zunächst für die Entscheidungsfindung. Die Jahrgangsstärke in einem durchschnittlichen Gymnasien beträgt etwa 120 Kinder. Es ist kaum vorstellbar, dass es unter den Eltern niemanden gibt, der für G8 ist. Bei der anonymen Befragung reicht aber eine einzige Stimme aus, um die Schulzeitverlängerung zu verhindern. Wer weiß, wie emotional auf Elternabenden über Fragen von geringerer Bedeutung gestritten wird, kann sich vorstellen, zu welchen Verwerfungen das in einer Schulgemeinde führen könnte.

          Eventuell sehr kleine G8-Klassen

          Nun gibt es noch die Möglichkeit, dass sich in einem Jahrgang genügend G8-Befürworter finden, um mit ihnen eine Klasse zu bilden. Es müssten um die 30 Schüler sein, nicht viel weniger, sonst reicht es nicht aus, aber auch nicht viel mehr, denn sonst sind Schüler übrig. Die Schulen müssen eventuell sehr kleine G8-Klassen bilden, was zu entsprechender Überbelegung der übrigen Klassen führen würde. Dass die G9-Eltern das hinnähmen, ist ebenso fraglich wie das Verständnis von G8-Eltern dafür, dass ihre Kinder möglicherweise in einer 40-Schüler-Klasse für das Turbo-Abi lernen sollen.

          Unumgänglich ist, dass Klassenverbände auseinandergerissen werden. Davon abgesehen, dass das pädagogisch nicht gerade wünschenswert erscheint, führt es auch zu organisatorischen Schwierigkeiten. In den meisten Gymnasien können die Schüler die erste Fremdsprache wählen. Was passiert nun, wenn es zwar genügend Schüler zur Bildung einer Turbo-Klasse gibt, die Hälfte davon aber Englisch und die andere Französisch lernt?

          Mit solchen Fragen muss sich zunächst die Schulkonferenz beschäftigen. Gut denkbar, dass Lehrer und Schulleitung, die dort die Mehrheit haben, aus den genannten Gründen einen Wechsel bestehender Klassen ablehnen und es somit gar nicht zur Elternbefragung kommt. Dann wäre die ganze Aufregung umsonst gewesen. Und der Schwarze Peter läge bei der Schule. Sie müsste sich rechtfertigen, dass sie G9 zwar für den richtigen Weg zum Abitur hält, ihn aber einem Teil ihrer Schüler verbaut.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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