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Kommentar : Punkten mit Punkten

Eine neue Punkte-Skala anstelle der Noten würde die Grundfesten der Schulwelt nicht erschüttern, es gäbe auch danach keine Garantie für gerechte Zensuren. Sie wäre aber nur ein Reförmchen.

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          Das böse Wort von der „Bildungsreform“ soll nicht fallen. Davon haben die Schulen genug, nicht erst seit der G8-Reform und der Reform dieser Reform. Gottlob geht es bei dem, was der Verband Bildung und Erziehung anstrebt, auch gar nicht ums große Ganze, sondern nur um eine Kleinigkeit: Statt Noten von 1 bis 6 sollen in den Zeugnissen künftig Punkte stehen.

          Die Punkteskala von 0 für die schlechteste bis 15 für die beste Leistung ist in der gymnasialen Oberstufe seit Jahrzehnten bewährt. Der Lehrerverband schlägt vor, sie auf die gesamte Schullaufbahn zu übertragen. Dafür sprechen eine Reihe von Gründen. Der wichtigste davon ist, dass die Schüler ein Recht auf Bewertungen haben, die so differenziert, aussagekräftig und fair sind, wie Ziffern es eben erlauben.

          Gefühlte Welten

          Im herkömmlichen System liegen zum Beispiel zwischen einer Drei und einer Vier gefühlte Welten. Da mag die Leistungsdifferenz zwischen Dreier- und Viererschüler noch so minimal sein, der Lehrer muss sich entscheiden. In der Punkteskala könnte er dem einen sieben Punkte (knapp befriedigend) und dem anderen sechs Punkte (voll ausreichend) geben.

          Ein weiteres Argument ist die motivierende Funktion von Zensuren. Es ist ein langer Weg von einer schlechten Drei zu einer Zwei. Am Ziel ist der Schüler noch nicht, wenn die Punktezahl von sieben auf acht steigt, aber er sieht schon, dass die Richtung stimmt. Auch für Eltern wäre ein genauerer Gradmesser hilfreich: Derzeit kann ein Viertklässler-Zeugnis mit lauter Zweien den Wechsel aufs Gymnasium nahelegen - oder auch nicht, je nachdem, ob die Zweien an der Schwelle zur Eins oder zur Drei stehen.

          Eine neue Skala würde die Grundfesten der Schulwelt nicht erschüttern, es gäbe auch danach keine Garantie für gerechte Zensuren. Sie wäre nur ein Reförmchen, aber immerhin eines, das den Beteiligten das Leben erleichterte. Der Aufwand bliebe relativ gering, und da Hessen mit der Umstellung Vorreiter unter den Bundesländern wäre, könnte sogar die Kultuspolitik Punkte sammeln.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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