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Kommentar : Preis der Freiheit

  • -Aktualisiert am

Manch einer mag in Wiesbaden gequält die Augen verdrehen, wenn er das Wort „Autonomie“ hört, und sich im stillen wünschen, das Wissenschaftsministerium könnte Universitäten und Fachhochschulen weiterhin behandeln wie nachgeordnete Dienststellen.

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          Manch einer mag in Wiesbaden gequält die Augen verdrehen, wenn er das Wort „Autonomie“ hört, und sich im stillen wünschen, das Wissenschaftsministerium könnte Universitäten und Fachhochschulen weiterhin behandeln wie nachgeordnete Dienststellen. Doch das Land hat sich nun einmal entschieden, den Hochschulen in vielen Dingen freie Hand zu lassen - das hat seinen Preis. Wie hoch der manchmal ist, könnte sich bald zeigen.

          Einiges deutet darauf hin, daß die Regierung Koch im Mai ein Gesetz vorlegen wird, das die Einführung allgemeiner Studiengebühren in Hessen möglich macht. Wieviel zu zahlen sein wird, könnte dabei den Hochschulen überlassen bleiben. Nun haben aber die Senate dreier Universitäten - wenn auch mit unterschiedlicher Vehemenz - erklärt, daß sie ihre Studenten nicht zur Kasse bitten wollen. Andererseits ist die Aussicht auf einen Budgetzuwachs nicht nur für ausgewiesene Gebührenbefürworter wie den Frankfurter Uni-Präsidenten Rudolf Steinberg eine starke Verlockung.

          Wanderungsbewegungen

          Gut möglich, daß die Rede von der Vielfalt der hessischen Hochschullandschaft demnächst eine neue Bedeutung gewinnt: hier Einrichtungen, an denen eine akademische Ausbildung gegen das übliche Verwaltungsentgelt zu haben ist, dort solche, die für jedes Semester 500 Euro oder mehr verlangen. Es ist nicht viel Phantasie nötig, um sich vorzustellen, wo der Bewerberandrang größer sein wird - zunächst jedenfalls. Denn daß die zusätzlichen Einnahmen die Studienbedingungen so rasch verbessern, daß sich Abiturienten frohen Herzens für den Besuch einer gebührenpflichtigen Uni entscheiden, glauben nur notorische Optimisten.

          Die Wanderungsbewegungen, die ein „Optionsmodell“ für die Gebührenerhebung nach sich ziehen würde, könnten das ohnehin strapazierte Hochschulgefüge auf eine neue Belastungsprobe stellen. Nahe liegen da die Schlußfolgerungen, entweder auf den Obolus zu verzichten oder die Erhebung eines festen Betrags zur Pflicht zu machen. Ersteres wäre ein Akt der Realitätsverweigerung; angesichts der Erosion der öffentlichen Haushalte führt an einem Systemwechsel kein Weg vorbei.

          Angebotsvielfalt

          Eine vom Land verordnete Einheitsgebühr würde zwar manche der drohenden Komplikationen vermeiden, liefe aber dem Gedanken einer produktiven Konkurrenz zwischen den Hochschulen zuwider. Ziel sollte nicht das Studium zum Standardtarif sein, sondern eine Angebotsvielfalt, in der eine Ausbildung so viel kostet, wie sie wert ist.

          Wenn es die Landesregierung ernst meint mit ihrem Autonomieversprechen, wird sie der Entfaltung dieses Wettbewerbs nicht im Weg stehen - ungeachtet der Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Der Preis der Freiheit schmerzt mitunter, aber die Investition lohnt sich.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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