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Kommentar : Mit dem Streik leben

Nur bedingt einsatzfähig: Ein Bild zum Tage aus dem Frankfurter Hauptbahnhof Bild: Rainer Wohlfahrt

Es kann sein, dass die Deutsche Bahn dauerhaft Fahrgäste verliert, wenn sie immer einmal wegen eines Lokführerstreiks wieder nur nach Ersatzfahrplänen unterwegs ist, aber das muss nicht so sein. Der moderne Mensch ist flexibel.

          Im Jahr 2035, wenn der auch mit 76 Jahren sicherlich immer noch rüstige Claus Weselsky mit schon etwas heiserer Stimme zum 180. oder auch 1800. Streik in einem Tarifkonflikt aufruft, bei dem schon längst niemand mehr weiß, um was es eigentlich einmal ging (auf jeden Fall um Leben und Tod oder Ernsteres), in jenem Jahr 2035 also, in dem solche Streiks immer gleich sechs Wochen dauern oder acht, in denen die Rhein-Main-Zeitung so etwas bloß auf den hinteren Seiten meldet und die Tagesschau gleich gar nicht mehr, wird man sich beim Blick auf verrostete Gleise noch vage erinnern, wie es war, damals, vor zwei Jahrzehnten. In den frühen Tagen, in denen die Deutschen lernten, mit dem Streik zu leben.

          Denn alles ist ja längst Routine. Die Deutsche Bahn benennt einen Ersatzfahrplan, der natürlich nicht zureichend, aber nun auch wieder keine Katastrophe ist. Die Fernbusunternehmen (gelobt sei die Liberalisierung) freuen sich über die zusätzliche Nachfrage. Die Taxifahrer weisen darauf hin, dass ein Taxi gar nicht so teuer sei, wenn man sich mit vier Kunden den Preis teile. Die zu erwartende Nachrichtenlage heute: erhöhtes Verkehrsaufkommen auf den Autobahnen. Nur Stehplätze in der Straßenbahn. Aber kein Chaos auf den Bahnhöfen, eher leere Züge, weil mehr Menschen auf andere Verkehrsmittel umsteigen, als notwendig wäre.

          Die Äußerungen aus der Wirtschaft geben schon Anlass zu Sorge, schließlich sind im Zeitalter der Just-in-time-Produktion auch Güterwaggons zum Warenlager geworden. Aber auch in den Unternehmen ist man gewohnt, sich an veränderte Lebensumstände anzupassen, und so werden sich die Geschäftsführer erinnern, dass es noch andere Eisenbahnunternehmen gibt als die DB und dass es noch andere Verkehrsmittel gibt als die Eisenbahn. An einen Lastwagenfahrerstreik vermag sich keiner zu erinnern.

          Es kann auch sein, dass die Deutsche Bahn dauerhaft Fahrgäste verliert, wenn sie immer einmal wieder nur nach Ersatzfahrplänen unterwegs ist, aber das muss nicht so sein. Der moderne Mensch ist flexibel, er gewöhnt sich daran, mit dem Zug zu fahren, wenn einer fährt, und nicht damit zu fahren, wenn Streik ist. Aufregen können sich nur die Kunden mit teuren Monatskarten, die anderen nehmen es, wie es kommt, allemal im Jahr 2035, wenn ein alter GDL-Chef immer noch zeternd am Bahnsteig steht. Bisweilen wirft jemand dem armen Mann eine Münze zu.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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