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Helmut Schwan (hs.)

Kommentar : Machtkampf auf offener Straße

  • -Aktualisiert am

Die Machtstrukturen der Hells Angels zerfallen - vor allem durch Mitglieder muslimischer Herkunft. Das wankende Kartell zieht Machtkämpfe nach sich, bei denen es nur nebenbei um die Ehre geht.

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          Sie haben sich längst selbst entzaubert. Der Mythos von Freiheit und Abenteuer und Männerfreundschaft, der die Hells Angels in ihren Anfängen, vielleicht noch bis in die wilden Sechziger umwehte, ist mit der Zeit dem Schreckensbild von Gewalt und Kriminalität gewichen, das nicht wenige der harten Jungs verkörpern. Zu lange hat man sie gewähren lassen und das schlechte Gewissen mit dem Argument beruhigt, sie sorgten ja immerhin dafür, dass Ruhe herrsche, wenn sie in Rotlicht-Quartieren wie dem Frankfurter Bahnhofsviertel die Kontrolle und einige lukrative Geschäfte übernahmen.

          Seit rund fünf Jahren versuchen Politik, Polizei und Justiz die „Motorradfreunde“, von denen viele überhaupt keine Lizenz zum Biken besitzen, in die Schranken zu weisen. Der Aufwand, den es verlangt, die Szene zu beobachten, Delikte nachzuweisen und zur Stelle zu sein, wenn sich etwas zusammenbraut, ist enorm. Und noch kann man nicht sagen, die Gefahr sei gebannt.

          Für Ehre, aber vor allem für Geld

          Im Gegenteil: Die Serie von Verboten, die Innenminister quer durch die Republik gegen die „Vereine“, die sogenannten Charter, verhängten, hat zur Folge, dass in einigen Großstädten Verteilungskämpfe neu entflammt sind. Wenn es zu Schusswechseln auf offener Straße kommt, wie vor einem Monat in Frankfurt, dann wird auch keine Rücksicht darauf genommen, dass Unbeteiligte zwischen die Fronten geraten könnten.

          Das Kartell in einer einst zersplitterten Rockerszene, das die Bosse der Höllenengel über die Jahre geschmiedet zu haben schienen, gerät zusehends ins Wanken. Das Paradoxe dabei ist, dass jene, die meinten, für sie gälten nur die eigenen Gesetze, nun erleben, dass es Ihresgleichen gibt, die selbst diese ignorieren. Hells Angels muslimischer Herkunft sind es vor allem, die ihr eigenes Ding machen, eigene Charter gründen wollen und sich nicht darum scheren, ob das den Etablierten gefällt.

          Die Auseinandersetzung in Frankfurt ist ein solcher Machtkampf. Dabei geht es nur nebenbei um die Ehre. Es geht auch um viel Geld, das sich lange Zeit mühelos verdienen ließ, wenn man ein Vollerwerbsrocker war. Wichtig ist nun, den Outlaws klarzumachen, dass sie unter ständiger Beobachtung stehen. Und dass nichts mehr so sein wird wie früher.

          Helmut Schwan
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

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