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Kommentar : Lob des Kirchturmdenkens

Unter den vielen Studien über das Rhein-Main-Gebiet ragte jene des Münchener Ifo-Instituts von 2009 heraus, nach welcher der Gewerbesteuer-Wettbewerb zwischen den einzelnen Städten Vorteile für den gesamten Ballungsraum bringt.

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          Unter den vielen Studien über das Rhein-Main-Gebiet ragte jene des Münchener Ifo-Instituts von 2009 heraus, nach welcher der Gewerbesteuer-Wettbewerb zwischen den einzelnen Städten Vorteile für den gesamten Ballungsraum bringt. Der Druck auf die Rathäuser, sich um Unternehmen zu kümmern und ihre Kosten in Grenzen zu halten, führte unterm Strich zu einem Aufkommenszuwachs, der höher ausfiel als anderswo, wie die Fachleute schrieben; das Gerede vom „Kannibalismus“ zwischen den Orten wiesen sie zurück.

          Dieser heilsame Wettbewerb innerhalb der Region dürfte dazu beigetragen haben, dass Konzerne wie die Deutsche Börse, Procter & Gamble mit Wella und nun Fujitsu bei der Suche nach neuen Standorten dem Ballungsraum treu geblieben sind. Allein um die Steuern geht es dabei keineswegs. Grundstücks- und Immobilienpreise sowie die Infrastruktur spielen ebenfalls eine Rolle. Was im einzelnen den Ausschlag gab, wird gemeinhin von den Unternehmen nicht verraten. Auch bei Fujitsu, wo der Gewerbesteuerhebesatz ja kaum der Grund für den Umzug nach Frankfurt gewesen sein kann, hielt man sich bedeckt.

          Amt mit Freude

          Aber die Region ist stark, wenn sie unterschiedliche teure Standorte parat hält, um deren Besiedlung sich engagierte Lokalpolitiker bemühen. Tatsächlich hilft das oft gescholtene Kirchturmdenken den Unternehmen des Ballungsraums, was für die alternativen Konzepte eines neuen regionalen Zentralismus erst noch zu beweisen wäre.

          Dass Frankfurt in diesem innerregionalen Wettbewerb wieder mitspielt, hat die Stadt dem Umstand zu verdanken, dass mit Stadtrat Markus Frank (CDU) erstmals seit Jahren jemand das Amt des Wirtschaftsdezernenten mit Freude ausfüllt. Die Erschütterung über den Umzug von Radeberger nach Bad Vilbel, der dann wegen der Krise abgeblasen wurde, hatte ihren Grund ja nicht darin, dass Frankfurt ein Unternehmen verliert. Das wird noch öfter passieren. Bedenklich war vielmehr, wie kopflos die Stadtregierung agierte. Auch jetzt spricht der Magistrat noch nicht mit einer Stimme. Umweltdezernentin Rottmann (Die Grünen) zum Beispiel gefällt sich mit Äußerungen wie der, dass die Stadt nicht jeden Ansiedlungswunsch erfüllen könne – als stünden Investoren Schlange, und als sei Arbeitslosigkeit in Frankfurt ein Fremdwort. Aber immerhin stellt Frank nun ein Gegengewicht dar. Bisher nicht zum Schaden der Stadt.

          Manfred Köhler
          (mak.), Rhein-Main-Zeitung

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