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Kommentar : Lob der Vielfalt

Kleine Banken haben es heutzutage schwer. Umso erstaunlicher ist es, dass die Volksbank Griesheim eigenständig ist. Doch der Drang zur Zentralisierung wird anhalten.

          Nicht nur politisch ist das Rhein-Main-Gebiet zersplittert, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Industrie- und Handelskammern zum Beispiel, die der regionalen Zusammenarbeit gerne das Wort reden, haben es bis heute nicht geschafft, zu einer einzigen Rhein-Main-Kammer zu fusionieren. Von der Rhein-Main-Sparkasse war vor zehn Jahren besonders viel die Rede, seitdem ist jedoch besonders wenig davon zu hören. Und auch die genossenschaftlichen Kreditinstitute lieben die Vielfalt.

          Obwohl die Frankfurter Volksbank in den vergangenen Jahren eine Volks- oder Raiffeisenbank nach der anderen übernommen hat, ist sie doch weiterhin nur ein Spieler unter vielen. Selbst in ihrem ureigenen Geschäftsgebiet existiert mit der Volksbank Griesheim ein kleines Haus, dessen Vorstand keinerlei Anstalten macht, die Selbständigkeit aufzugeben. Das funktioniert natürlich nur, weil einem solchen Kreditinstitut die genossenschaftliche Bankengruppe Aufgaben abnimmt, mit denen ein Institut mit 40 Mitarbeitern wie im Falle der Griesheimer heutzutage überfordert wäre.

          Bankenregulierung droht übers Ziel zu schießen

          Solchen Häusern, von denen sich noch einige mehr in der Region finden, bleibt damit als eigenständige Leistung vor allem der Vertrieb. Doch sollte dies nicht geringgeschätzt werden. Die Nähe zu den Kunden kann im Idealfall, bei einem rührigen Vorstand und motivierten Mitarbeitern, größer sein, als wenn sich am gleichen Ort bloß eine Filiale eines großen Instituts findet. Kunden schätzen es durchaus, wenn sie einmal auf ein Vorstandsmitglied treffen, was umso unwahrscheinlicher ist, je größer eine Bank ist.

          Der Drang zur Zentralisierung wird aber anhalten. Denn der Verwaltungsaufwand steigt, allein schon durch die Bankenregulierung, die längst über das Ziel hinauszuschießen droht. Und es ist nicht sicher, ob dereinst, wenn die Zinsen einmal wieder steigen, die Kunden angesichts der Transparenz der Konditionen im Internet nicht doch vermehrt zu Direktbanken überlaufen und damit die kleinen Häuser schwächen - derzeit lohnt sich der Wechsel kaum.

          Es kann also auch alles einmal anders kommen. Gegenwärtig aber darf man schon ein Lob auf die Vielfalt anstimmen. Je mehr Unternehmen sich um die Kunden bemühen, desto besser werden sie umsorgt sein. Letztlich haben sie es in der Hand, was von dem bunten Bild, das die Wirtschaft der Region bietet, auf Dauer erhalten bleibt.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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