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Kommentar : Keine Angst vor Fremden

  • -Aktualisiert am

Offensichtlich helfen Dokumentationen aus Krisengebieten nicht, wenn es darum geht, die selbst unbehelligt und in Freiheit lebenden Anwohner von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass 60 Flüchtlingen geholfen werden muss. Siehe Mainz.

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          Es ist die Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden, die viele Menschen in dem beschaulichen Mainzer Wohnviertel umtreibt, das nun - zeitlich befristet - auch zur Heimat für jene werden soll, die anderswo in der Welt zum Opfer von Krieg, Terror und Vertreibung geworden sind. Denn offensichtlich helfen weder Sondersendungen im Fernsehen noch Dokumentationen aus Krisengebieten, wenn es darum geht, die selbst unbehelligt und in Freiheit lebenden Anwohner von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass 60 Flüchtlingen geholfen werden muss. Sie lebe hier seit 30 Jahren in Frieden und Ruhe, sagte eine Frau bei der von der Stadt organisierten Bürgerinformation. Und sie habe Angst, dass dies in Zukunft nicht mehr so sein werde.

          Mit dieser ehrlich geäußerten Sorge lässt sich allemal mehr anfangen als mit den vielen vorgeschobenen Argumenten: Ob es für Flüchtlinge in Mainz nicht noch bessere Unterkünfte gebe? Ob man nicht auch andere Stadtteile in die Pflicht nehmen müsse? Und ob die Standortauswahl nicht am besten mittels Bürgerentscheid zu treffen sei?

          Dreimal nein lässt sich dazu nur sagen. Schließlich kann die hochverschuldete Stadt froh sein, dass ihr der Zufall das frei werdende Spaz-Gebäude bescherte. Ein Haus, das sich unbestreitbar als Gemeinschaftsunterkunft eignet und das sich noch dazu in einem „guten Viertel“ befindet, dessen Bewohner in der Lage sein sollten, die Neuankömmlinge in ihrer Mitte aufzunehmen. Es sind Männer, Frauen und Kinder, die oftmals auf Jahre hinaus nicht wissen, ob sie bleiben dürfen oder doch wieder gehen müssen.

          Wer sich, wie rechtskonservative und rechtsextreme Parteien, bemüßigt sieht, Flüchtlinge wahlweise als arbeitsunlustige Schwarze oder mit Kalaschnikow im Gepäck einreisende Islamisten aus Tschetschenien zu diffamieren, gießt nur weiteres Öl ins Feuer. Was vor anderen Notunterkünften schon zum Aufmarsch unerträglicher Empfangskomitees geführt hat. In Mainz ist dies bei allem Protest nicht zu erwarten. Denn der Widerstand scheint weniger politisch motiviert. Die einen haben vor allem Angst davor, dass das eigene Haus an Wert verliert. Andere treibt die Sorge um, was für Leute denn künftig in direkter Nachbarschaft zu ihnen leben werden. Letzteres lässt sich klären: wenn sich beide Seiten aufeinander zubewegen.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

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