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Kommentar : Immer noch ein guter Standort

Wo könnte die Börse nach einer Fusion künftig sitzen: in London, Frankfurt, ein Doppelsitz oder ganz woanders? Ein Blick auf die Geschichte könnte bei der Frage helfen.

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          Manchmal hilft ein Blick in die Geschichtsbücher, um in der Gegenwart kluge Entscheidungen zu treffen. Die Historie der Frankfurter Wertpapierbörse geht auf das Jahr 1585 zurück. Am 9. September legten emsige Kaufleute der Stadt einheitliche Wechselkurse für Münzen fest - es war die Geburtsstunde der Frankfurter Börse.

          Sie gilt heute als wichtigster Handelsplatz Europas und gehört zum Markenkern Frankfurts. Deshalb hat die Kritik, die vom ersten Tag an aus Frankfurt auf den Börsenbetreiber, die Deutsche Börse AG, wegen des Fusionsvorhabens einprasselt, nicht nur wirtschaftlich-rationale, sondern auch emotionale Gründe. Welche Stadt will schon tatenlos dabei zusehen, wenn die Gefahr besteht, dass eine ihrer wichtigsten identitätsstiftenden Institutionen künftig aus einer anderen Stadt, in diesem Fall London, gesteuert wird?

          Dass das Börsenmanagement und dort allen voran der Vorstandsvorsitzende Carsten Kengeter - gegen Kritik von Vertretern des Finanzplatzes und gegen Widerstand aus dem Betriebsrat - das Vorhaben mit Vehemenz und hohem Tempo vorantrieb, erscheint im Rückblick ebenso kaum nachvollziehbar wie seine frühe Festlegung auf einen Hauptsitz in London und auf eine Gesellschaft britischen Rechts.

          Doppelsitz und Sitz an neutralem Ort noch möglich

          Elf Tage nach dem Referendum in Großbritannien hat sich nun endlich hinter den Türen des Konzerns die Einsicht durchgesetzt, dass ein Sitz in London und damit außerhalb der EU nicht genehmigungsfähig ist. Eine reichlich späte Einsicht.

          Dass die Börse nun erklärt, alle regulatorischen Anforderungen erfüllen zu wollen, ist vor allem als Signal an die Aktionäre zu verstehen, die der wirtschaftlich und unternehmerisch sinnvollen Fusion bis zum 12. Juli zustimmen müssen. Geht dieser Plan auf, wovon derzeit auszugehen ist, werden die Standort-Diskussionen weiter ihren Lauf nehmen.

          Es steht zu vermuten, dass die Briten nach dem Brexit-Votum den Hauptsitz erst recht nicht nach Deutschland oder in ein anderes Land verlegen wollen. Ein alleiniger Sitz in London ist ebenfalls vom Tisch. Übrig bleiben also ein Doppelsitz und ein Sitz an einem neutralen Standort. Doch spätestens nach dem Brexit muss dem Management der Deutschen Börse klar sein: Frankfurt ist und bleibt eine sehr gute Wahl für den Hauptsitz. Auch ein Blick in die Geschichtsbücher würde ihnen das bestätigen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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