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Kommentar : Hervorragend und jüdisch

Wenn die Jüdische Gemeinde im Philanthropin wieder eine Schule eröffnet, eine Ganztagsschule mit einem Gymnasialzweig, knüpft sie an die Tradition an. Aber es ist eine ganz andere jüdische Gemeinschaft als jene, die vor 200 Jahren das Philanthropin gegründet hatte.

          Der erste Weg führt ehemalige Frankfurter bei einem Besuch ihrer alten Heimatstadt oft zum Philanthropin. Hier, in dieser einstmals im ganzen Reich berühmten jüdischen Schule haben viele der im Nationalsozialismus vertriebenen Juden gelernt. Das Philanthropin ist für sie mit Jugenderinnerungen verknüpft und mit der damaligen Hoffnung, nach dem Abschluß einen angesehenen Platz in der deutschen Gesellschaft einnehmen zu können. Der Traum ist geplatzt, die deutschen Juden wurden aus ihrem Heimatland gejagt, das Philanthropin wurde vor 64 Jahren zwangsweise geschlossen.

          Wenn die Jüdische Gemeinde im Philanthropin wieder eine Schule eröffnet, eine Ganztagsschule mit einem Gymnasialzweig, knüpft sie an die Tradition an. Aber es ist eine ganz andere jüdische Gemeinschaft als jene, die vor 200 Jahren das Philanthropin gegründet hatte. Denn mit dem Holocaust ist das Frankfurter Judentum untergegangen, ein Judentum, das häufig national dachte, für das Deutsch und Jüdisch oft nur zwei Seiten einer Medaille waren. Die neue, nach dem Krieg gegründete Jüdische Gemeinde bestand zum größten Teil aus hier gestrandeten osteuropäischen Juden, die sich erst mühsam mit Frankfurt und Deutschland anfreunden mußten.

          Wichtiger Platz in der Gesellschaft

          Aus der lange abgekapselten Gemeinschaft ist nach und nach eine Gemeinde geworden, die sich der Stadtgesellschaft geöffnet und mittlerweile einen wichtigen Platz darin gefunden hat. Wie sehr die Jüdische Gemeinde das selbstgewählte Ghetto aufgegeben hat, zeigt sich daran, daß sie ganz selbstbewußt und auch mit Erfolg nichtjüdische Kinder zum Besuch ihrer Schule einlädt.

          Mit der Ganztagsschule im Philanthropin nimmt die neue Jüdische Gemeinde die alte Selbstverpflichtung ihrer Vorgängergemeinde wieder auf, auf dem Feld der Bildung und Ausbildung Vorzügliches zu leisten. Man darf angesichts der guten Erfahrungen mit der bisherigen Lichtigfeld-Schule im Gemeindezentrum im Westend davon ausgehen, daß die neue Lichtigfeld-Schule im Philanthropin in der Tat Außerordentliches leisten wird. Doch das ist auch bitter nötig, denn die Jüdische Gemeinde steht vor außerordentlichen Aufgaben: Sie muß die vielen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die häufig atheistisch aufgewachsen sind und keine innere Beziehung zum Judentum hatten, nicht nur in die deutsche Gesellschaft integrieren, sondern auch mit jüdischem Leben und jüdischer Kultur vertraut machen.

          Grundstein für Neuerblühen

          Am besten dürfte dies gelingen, wenn die Kinder dieser in der Regel stark bildungsorientierten Familien eine Schule durchlaufen, die gleichzeitig hervorragend und jüdisch ist. Insofern hat die hiesige jüdische Gemeinschaft mit der Schule im Philanthropin den Grundstein für ein Neuerblühen der lange überalterten und vom Aussterben bedrohten Gemeinde gelegt.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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