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Kommentar : Herbergen für heute

In einer Jugendherberge sind heute höchstens Grundschulkinder noch begeistert, wenn sie die Toilette auf dem Flur finden. Und die Köche können nicht mehr einfach Nudeln mit Gulasch auf den Tisch stellen. Darauf muss der hessische Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks reagieren.

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          Wer sich an eine Klassenfahrt mit Aufenthalt in einer Jugendherberge erinnert, kommt an manchen Bildern im Kopf nicht vorbei: große Zimmer mit vier Etagenbetten, Baderäume mit zehn Duschen, Riesentöpfe voll dampfender Nudeln mit Gulasch. Er wird an das gemeinsame Essen mit vielen anderen Kindern denken, das Warten an der überfüllten Tischtennisplatte und das gemeinsame Kichern abends im Acht-Bett-Zimmer.

          Das alles gibt es auch heute noch. Aber es ist seltener geworden. Die Individualisierung der Gesellschaft hat einen Ort erreicht, der wie kaum ein anderer für Gemeinschaft steht und an dem das Zusammenleben in Toleranz und Respekt stets zum Leitgedanken erkoren wurde: die Jugendherberge.

          Auslastung lediglich 35 Prozent

          Heute sind höchstens Grundschulkinder noch begeistert, wenn sie die Toilette auf dem Flur finden. Schon die meisten Jugendlichen dagegen möchten mindestens im Vier-Bett-Zimmer übernachten und nicht die Etagenduschen benutzen müssen. Wegen der vielfältigen Ernährungswünsche, Nahrungsmittelallergien und religiösen Vorgaben können die Köche auch nicht mehr einfach Nudeln mit Gulasch auf den Tisch stellen. Aber nicht nur die Ansprüche der jungen Gäste sind gewachsen: Welcher Erwachsene möchte schon gerne mit sieben Fremden in einem Raum aufwachen?

          Auf diese Individualisierung muss der Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) reagieren. Er tut es, indem er Millionen Euro in die Modernisierung seiner Häuser steckt. Nur so lässt sich die 2007 erreichte Spitzenzahl von knapp 700.000 Übernachtungen halten. Wobei zur Wahrheit gehört, dass in den 34 DJH-eigenen Häusern rechnerisch fast zwei Millionen Übernachtungen möglich gewesen wären – die Auslastung der Betten liegt also bei lediglich 35 Prozent.

          Preise dürfen nicht mehr viel steigen

          So notwendig die Investitionen sind, so vorsichtig muss der Landesverband sein, um den besonderen Charakter seiner Jugendherbergen zu bewahren. Wenn es irgendwann überall Zwei-Bett-Zimmer mit Dusche gibt, dann ist der besondere Reiz einer Herbergsgemeinde verloren. Außerdem dürfen die Preise nicht mehr viel weiter steigen. Schon heute logiert eine Familie mit zwei Kindern, wenn sie denn einen DJH-Mitgliedsausweis besitzt, in den besser ausgestatteten, dafür teureren Jugendherbergen nicht mehr günstiger als in manchem Dorfgasthof.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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