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Kommentar : Hängepartie

Seit Mittwoch ist es offiziell: Niemand weiß, was aus dem Kraftwerk in Großkrotzenburg wird.

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          Wer bauen will um jeden Preis, der redet anders. „Wir machen die Tür nicht zu“, sagte am Mittwoch Eon-Chef Teyssen zu den Ausbauplänen des Konzerns für sein Kohlekraftwerk in Großkrotzenburg, „aber wir geben auch zu keinem Projekt abstrakte Bekenntnisse zur Unzeit ab“. Abstrakt? Zur Unzeit? Über Jahre hinweg hat der Düsseldorfer Konzern für seine Pläne gekämpft, noch vor einem Jahr wurde heftig dementiert, innerhalb des Konzerns stehe der milliardenschwere Ausbau des Kraftwerks Staudinger auf einer Liste von Projekten, die noch einmal überprüft würden. Und noch in diesem Jahr, also in den nächsten Wochen, will das Regierungspräsidium über den Bauantrag entscheiden.

          Als Entschuldigung für die hinhaltenden Worte Teyssens während der Bekanntgabe der neuen Konzernstrategie lässt sich nur vorbringen, dass Eon schlecht so kurz vor dem Ende des Genehmigungsprozesses die Brocken hinwerfen kann. Das wäre ein Affront gegen die Landesregierung und überdies unklug, denn in der Energiewirtschaft kann sich der Wind rasch drehen, und vielleicht wird doch noch einmal ein leistungsfähiges Kohlekraftwerk am Main benötigt. Eine Baugenehmigung auf Vorrat ist so übel nicht.

          Das Aus für Staudinger muss das noch nicht bedeuten

          Gegenwärtig aber ist in dem Konzern von Staudinger keine Rede mehr. Teyssen bekannte gestern, die Nachfrage nach neuen Kraftwerken in Europa sei gedämpft, speziell die nach Kohlekraftwerken. In Deutschland kommt hinzu, dass nun länger als geplant Kernkraftwerke die Grundlastkapazität in der Stromerzeugung sicherstellen werden. Bei knapper werdenden Investitionsmitteln infolge der neuen Abgaben für Kernkraftwerksbetreiber richten sich zudem die Energiekonzerne zunehmend auf die üppig subventionierten erneuerbaren Energien aus.

          Das Aus für Staudinger muss dies noch nicht bedeuten – zwischen der Modernisierung in der bisher geplanten Form und einem völligen Verzicht auf diese Liegenschaft ist vieles denkbar. Ohne Not wird Eon diesen exzellenten Standort im Rhein-Main-Gebiet, in dem die Stromnachfrage riesig ist, nicht aufgeben. Allerdings geht es nicht allein um die Zukunft der Energieversorgung und die Luftbelastung, wenn von Staudinger die Rede ist, sondern auch um die nach Hunderten zählende Belegschaft. Die Hängepartie, die seit gestern offiziell ist, sollte schon in ihrem Interesse nicht zu lange dauern.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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