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Kommentar : Gut und beschämend

  • -Aktualisiert am

In Hanau ist ein ehemaliger Wachmann des KZ Auschwitz angeklagt. Es ist gut, dass den Helfern des Massenmordes immer noch nachgespürt wird. Insgesamt ist die Verfolgung der Täter jedoch beschämend.

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          Dieter Graumann, der frühere Präsident des Zentralrats der Juden, hat bei Gelegenheit erzählt, wie er als junger Bursche in Frankfurt in der Straßenbahn die Männer musterte: Konnte das jemand gewesen sein, der seine Mutter und seinen Vater im Konzentrationslager gequält hatte? Der Polizist an der Ecke, der Lehrer im Lateinunterricht - waren das vielleicht die Schergen von einst?

          Solche Gedanken haben sich im Laufe der Jahre wahrscheinlich bei den Betroffenen verflüchtigt. Aus einem rein biologischen Grund: Die Täter von damals müssten heute sehr alte Leute sein. Und das sind diejenigen auch, die man nun dingfest macht; erst den vierundneunzigjährigen Oskar Gröning, jetzt den 92 Jahre alten ehemaligen Auschwitz-Wächter aus der Nähe von Hanau.

          Beschämendes Versäumnis der frühen Jahre

          Ist es eine Schande oder eine Großtat, dass man erst heute oder noch heute nach den Tätern sucht und sie vor Gericht stellt? Beides. Das Klima in der beginnenden Bundesrepublik war nicht so, dass mit aller Energie nach den Mördern der Juden gesucht worden wäre. Noch 1960, als Staatsanwalt Fritz Bauer vom Aufenthaltsort des Massenmörders Adolf Eichmann in Argentinien erfuhr, informierte er direkt den israelischen Geheimdienst. Bauer hatte Angst, dass Eichmann gewarnt worden wäre, hätte er den deutschen Dienstweg eingehalten. Welch eine Schande.

          Ja, es ist großartig, dass deutsche Staatsanwaltschaften heute noch immer die Energie aufbringen, den Helfern des Massenmordes auf die Spur zu kommen. „Ich weiß, dass wir nicht viel Zeit haben“, sagt die Oberstaatsanwältin im Hanauer Fall. Ein bitteres Wort, sowohl für den konkret zu untersuchenden Vorgang als auch für den Umgang mit den Mördern in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

          Denn so recht das unerbittliche Nachspüren heute ist, so beschämend war das Versäumnis der frühen Jahre. Von den nationalsozialistischen Mördern und denen, die als vermeintliche „kleine Rädchen“ den industriellen Massenmord ermöglichten, kam nur ein Bruchteil hinter Gitter.

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