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Kommentar : Gelassenheit ist Jägerpflicht

  • -Aktualisiert am

Hessen soll neue Jagdregeln bekommen. Der Landesjagdverband ist nicht sonderlich erfreut, doch er schießt mit Kanonen auf Spatzen. Zeit für mehr Gelassenheit.

          Der Wald und was im Schutz der Bäume vor sich geht, hat die Deutschen schon immer heftiger bewegt als andere Nationen. Märchen und Opern der Romantik, die weltanschauliche Aufladung des Waldes in der NS-Zeit und die Horrorvision des Baumsterbens in den Achtzigern zeugen ebenso von einem spezifisch deutschen Naturbewusstsein wie die zunehmende Zahl von Friedhöfen im Forst. Es kann CDU und Grüne im Landtag deshalb nicht überraschen, dass die von ihnen angestrebte Änderung der Landesjagdverordnung nicht klaglos hingenommen, sondern von SPD und FDP heftig kritisiert wird.

          „Kommen Sie von Ihrem Hochsitz runter!“, rief die Grünen-Abgeordnete Ursula Hammann im Landtag den Sozialdemokraten zu, die an der bisher gültigen Verordnung festhalten wollen. „Legen Sie die Flinte beiseite“, gab der SPD-Politiker Norbert Schmitt in Richtung der Regierungspolitikerin zurück. Beschäftigt man sich näher mit dem besonders vom Landesjagdverband bekämpften schwarz-grünen Verordnungsentwurf, stellt sich indes schnell heraus, dass es für die Veränderung von Schon- und Jagdzeiten für bestimmte Tierarten und für die Anpassung an neue wissenschaftliche Erkenntnisse nachvollziehbare Argumente gibt. Zudem betritt Hessen bei der Novellierung der Vorschriften kein Neuland; in anderen Bundesländern sind viele der geplanten strengeren Regeln bereits in gleicher oder sogar in noch schärferer Form in Kraft.

          Jagdregeln lassen sich auch wieder ändern

          Der Landesjagdverband schießt mit Kanonen auf Spatzen, wenn er die Befürchtung äußert, die neue Verordnung öffne einer Bevormundung der Jäger durch die Tierschutzverbände Tür und Tor. Ob die Novellierung in jedem Fall zum Wohle der Natur ist, darf man allerdings in Frage stellen. Nicht jeder vermag beispielsweise nachzuvollziehen, warum die Jagdzeit für Rabenkrähen und Elstern drastisch auf nur noch zehn Wochen im Jahr verkürzt werden soll. Im Bestand bedroht sind diese Arten jedenfalls nicht. Auch über die Einschränkung in der Jagd auf Raubtiere wie Füchse, Iltis und Baummarder lässt sich trefflich streiten.

          Am Ende ist Gelassenheit erste Jägerpflicht. Jäger sind keine bedrohte Art, und staatliche Verordnungen haben, anders als manche Tiere, keine ganzjährige Schonzeit. Sollte sich in den nächsten Jahren herausstellen, dass CDU und Grüne mit ihren Plänen über das Ziel hinausgeschossen haben, wird man die neuen Jagdregeln eben abermals ändern müssen.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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