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Kommentar : Frau mit Möglichkeiten

Mit Kristina Köhler kommt eine weibliche Nachwuchskraft an die Spitze des Familienministeriums. Die Zweiunddreißigjährige hat in sieben Jahren Abgeordnetentätigkeit bewiesen, dass sie intelligent, fleißig und durchsetzungsfähig ist.

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          Erinnert sich noch jemand an Claudia Nolte? An die blasse junge Frau, die Helmut Kohl im Jahr 1994 zur Familienministerin gemacht hat? Der Bundeskanzler hatte das politische Potential der Achtundzwanzigjährigen aus Thüringen grandios überschätzt. Nolte gehörte dem Bundestag nach dem Machtverlust der CDU als Hinterbänklerin noch bis 2005 an, dann verlor sich ihre Spur.

          Jetzt wird mit Kristina Köhler wieder eine weibliche Nachwuchskraft an die Spitze des Familienministeriums gesetzt. Die Gefahr, dass Köhler das Schicksal Noltes erleidet, ist gering. Die Zweiunddreißigjährige hat in sieben Jahren Abgeordnetentätigkeit bewiesen, dass sie intelligent, fleißig und durchsetzungsfähig ist.

          Für Köhler bleibt die Spitzenposition eine riesige Herausforderung

          Sie hat Heidemarie Wieczorek-Zeul den Wiesbadener Bundestagswahlkreis abgenommen. Sie ist in der Integrationsdebatte mit Positionen hervorgetreten, die die Grenzen der Political Correctness berührten, den Multikultifreunden aber keine offene Flanke boten. Und sie hat es geschafft, Koch und zugleich Merkel gegenüber loyal zu sein, als das noch ein Kunststück war. Merkel, selbst sehr jung in Verantwortung gekommen, hat es ihr jetzt gedankt.

          Für Köhler bleibt die Spitzenposition eines Bundesministeriums eine riesige Herausforderung. Sie ist eine Frau ohne administrative Erfahrung, die direkt von der Universität in den Bundestag gewechselt ist. Allerdings erging es Ursula von der Leyen kaum anders. Und die Niedersächsin hat sofort gezeigt, welche Gestaltungs- und Profilierungsmöglichkeiten das Familienministerium bietet. Was noch unter Gerhard Schröder eher als Ministerium für Gedöns galt, ist zur wichtigen gesellschaftspolitischen Gestaltungsinstanz geworden.

          Die Popularität ihrer Vorgängerin ist für Köhler auch eine Last

          Die außerordentliche Popularität ihrer Vorgängerin ist allerdings auch eine Last für Köhler. Gerade weil sie selbst keine Familie mit Kindern vorweisen kann, wird sie sich schwerer tun, Positionen zu vertreten, die die Emanzipationsbewegung fortschreiben. Die SPD wird die Hoffnung hegen, dieses Feld zurückerobern zu können.

          Sollte Köhler den Spagat meistern, eröffnen sich ihr Perspektiven. Auch da zeigt von der Leyen, was möglich ist. Köhler ist jetzt zudem Kochs erste Frau in Berlin; offenbar hat der Ministerpräsident keinen Minister aus seinem Wiesbadener Kabinett für fähig und gleichzeitig loyal genug gehalten, um die Lücke zu füllen, die sein Getreuer Jung in der Hauptstadt gerissen hat. Das sollte jenen in Wiesbaden, die Kochs Nachfolge im Blick haben, zu denken geben.

          Matthias Alexander
          Redakteur im Feuilleton.

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