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Kommentar : Erkenntnisgewinn gering

97 Prozent Erfolgsquote beim Abi - das ist nur eine Statistik. Die Ergebnisse des Zentralabiturs werden nicht gesondert veröffentlicht. Deshalb lassen sich keine Aussagen machen, ob das Zentralabitur die Leistungsfähigkeit der Schüler wirklich verbessert.

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          Wie fast alle schulpolitischen Neuerungen der ehemaligen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) war das Zentralabitur vor seiner Einführung heftig umstritten. Dass ein Teil der Prüfungsaufgaben landesweit einheitlich sein sollte, brandmarkte die damalige Opposition als „Gleichmacherei“, der Landesvorsitzende der GEW sprach von einem „Versuch, Bildung zu normieren“. Noch bei der Vorstellung ihres Wahlprogramms kündigte die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti an, das Zentralabitur nach einem Wahlsieg abzuschaffen.

          Davon ist inzwischen nichts mehr zu hören. Während andere Wolff’-sche Reformen, von der „Unterrichtsgarantie Plus“ bis zu G8, zurückgenommen oder abgemildert werden, sind die einheitlichen Prüfungen schon fast Routine geworden. Aber haben sie auch den versprochenen Zuwachs an Objektivität gebracht? Schließlich hatten CDU- und FDP-Politiker versprochen, die Noten würden vergleichbar, die Gymnasien träten in Wettbewerb, und über die Jahre ließe sich messen, wie sich die Leistungen der hessischen Abiturienten entwickelten.

          Wer steckt hinter den Noten: k luge Schüler oder großzügige Lehrer?

          Der Öffentlichkeit bleiben derlei Einblicke bisher verwehrt. Das Kultusministerium gibt die Ergebnisse einzelner Gymnasien nicht weiter und überlässt es den Schulleitern, ob sie ihre jeweiligen Notenschnitte veröffentlichen. Einige tun dies, aber auch dann bleibt der Erkenntnisgewinn gering. Denn die zentralen, also vergleichbaren, Prüfungsanteile machen nur 16 Prozent der Abiturnote aus. Entscheidend sind die Noten der Kurse und der mündlichen Prüfungen – und die liegen weiterhin im Ermessen der Lehrer.

          Somit lässt einen die Nachricht, die Erfolgsquote beim Abitur sei von 95,4 auf 97 Prozent gestiegen, ratlos zurück. Verlässliche Schlüsse auf die Leistungsfähigkeit des Abiturientenjahrgangs – und somit auf mögliche Verbesserungen in den hessischen Schulen – sind nicht möglich. Noch weniger Aussagekraft haben die Ergebnisse einzelner Schulen. Wer weiß schon, ob eine gute Durchschnittsnote den klugen Schülern oder den großzügigen Lehrern zu verdanken ist.

          Dabei wäre es so einfach, das Versprechen der Transparenz einzulösen: Das Kultusministerium müsste die Ergebnisse der zentral gestellten Prüfungen gesondert veröffentlichen. Dann würde das Landesabitur tatsächlich einen Anhaltspunkt dafür liefern, was die hessischen Schüler können und welche Schule ihnen wie viel beibringt.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

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