https://www.faz.net/-gzg-7s35c

Kommentar : Eingeschränkte Erleichterung

Darmstadts Rathauschef Partsch ist zuzustimmen, wenn er hervorhebt, dass sich die neue Form des Antisemitismus nicht aus Altnazis speise. Es ist, als bekäme der originär deutsche Judenhass einen neuen Energieschub.

          1 Min.

          Nach dem Wochenende überwiegt Erleichterung. Darüber, dass die Demonstrationen zum Konflikt zwischen Israel und der Hamas in Frankfurt und Darmstadt friedlich vonstattengingen. Die muslimischen Veranstalter in Frankfurt grenzten sich deutlich von Vernichtungsaufrufen gegen Israel ab und kritisierten den Raketenbeschuss durch die Hamas. Auch in Darmstadt wurden Teilnehmer einer Kundgebung dazu aufgerufen, keine Hassparolen zu skandieren.

          Es wäre unfair, diese Aufrufe zur Mäßigung als Camouflage, als opportunistische Reaktion auf die scharfe Kritik führender Politiker an den jüngsten Auswüchsen zu deuten, die in einzelnen „Adolf Hitler“-Rufen in Berlin gegipfelt hatten. Es gibt auch unter Muslimen eine Fraktion, die die Lage differenziert beurteilt und die um die historisch bedingt besondere Situation in Deutschland weiß.

          Allerdings sind Einschränkungen zu machen: Die gemäßigten Anhänger des Islam haben in Frankfurt nur knapp 400 Teilnehmer auf die Straße gebracht, vor zwei Wochen versammelten radikalere Kräfte fast zehnmal so viele Menschen hinter ihren schlichten Parolen. Man muss befürchten, dass dieses Verhältnis repräsentativ ist für die Lagergrößen.

          Beklemmende Tradition

          Und auch am Samstag sprach der Hauptredner auf dem Römerberg wieder vom Kindermord, den Israel begehe. Auf einer Solidaritätskundgebung für Israel wies der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch am gleichen Tag auf die beklemmende Tradition hin, in der dieser Vorwurf steht: Zu den frühen Wurzeln des Antisemitismus in Deutschland gehören Vorwürfe von Ritualmorden durch Juden an Kindern.

          Partsch ist zuzustimmen, wenn er hervorhebt, dass sich die neue Form des Antisemitismus nicht aus Altnazis speise. Von denen gibt es ohnehin nicht mehr viele. Für deutsche Juden ist vielmehr die Resonanz besorgniserregend, die die von muslimischen Migranten importierte Israel-Kritik unter jüngeren, glaubensfernen, vermeintlich gut informierten Deutschen ohne Migrationsgeschichte findet. Es ist, als bekäme der originär deutsche Judenhass, der sich schon unter den palästinabegeisterten Achtundsechzigern, trotz aller Abrechnung mit den Nazi-Vätern, fortgepflanzt hatte, zwei Generationen später einen neuen Energieschub. Wenn sich solche Extreme berühren, kann es schnell ungemütlich werden.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Dokument der Maßlosigkeit

          FAZ Plus Artikel: Awo Frankfurt : Dokument der Maßlosigkeit

          Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt fasst in seinem Zwischenbericht nüchtern zusammen, was die Sonderprüfung des Kreisverbands Frankfurt ergeben hat. Die beschriebenen Zustände grenzen ans Absurde.

          Topmeldungen

          In Schieflage: Hauptsitz der Awo Frankfurt an der Henschelstraße

          Awo Frankfurt : Dokument der Maßlosigkeit

          Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt fasst in seinem Zwischenbericht nüchtern zusammen, was die Sonderprüfung des Kreisverbands Frankfurt ergeben hat. Die beschriebenen Zustände grenzen ans Absurde.
          Ein am Computer erstelltes Bild, das aus vielen langzeitbelichteten Fotos zusammengestellt wurde. Zu sehen sind die Starlink-Satelliten am Himmel über Salgotarjan im Norden von Ungarn.

          Raumfahrt und Geschäft : Die Cruise-Missile der Nasa

          Die Raumfahrt ist zum Geschäft geworden: Am Mittwoch starten Astronauten erstmals mit einer Rakete aus Elon Musks Unternehmen Space X zur Raumstation. Jetzt geht die Nasa noch einen Schritt weiter – und setzt auf einen Hollywood-Star.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.