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Kommentar : Ein spektakuläres Provisorium

Raus aus den Depots: Die Wolfgang-Steubing-Halle in Frankfurt wäre ein idealer Ausstellungsort für ethnologische Objekte.

          Die bekannteste unbekannte Sammlung eines deutschen Museums lagert in Frankfurter Depots. Nicht seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten. Die Hoffnung, sie endlich in einer angemessenen architektonischen Hülle zeigen zu können, zerstob erst kürzlich wieder unter dem Druck der städtischen Sparpolitik. Die Verwirklichung scheiterte aber auch am mangelnden politischen und bürgerschaftlichen Interesse an einem Neubau für die ethnologischen Artefakte: Außereuropäische Formen und Gehalte, das konnte man aus den Vorgängen rund um die Vereitelung des Projekts lernen, haben in der Stadt, die viel auf ihre Internationalität hält, praktisch keine Lobby.

          Wie schon einmal vor 20 Jahren waren auch dieses Mal kostspielige Vorbereitungen getroffen worden. Ein Architektenwettbewerb hatte zu einem Ergebnis geführt. Als Baumschützer auftretende Anwohner hatten sich zu Wort gemeldet, deren Proteste schließlich mit dazu beitrugen, die von der schwarz-grünen Koalition im Römer längst beschlossene Museumserweiterung am Sachsenhäuser Mainufer doch noch zu kippen.

          Auch im Europaviertel gibt es Freiflächen

          Und auch das hat es in der unendlichen Geschichte des Völkerkundemuseums, heute Weltkulturen-Museum genannt, schon gegeben, dessen letztes adäquates Gehäuse dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel: Nach dem Ende der Neubauträume in den Neunzigern wurde eine provisorische Ausstellungshalle geplant. Doch es blieb beim Provisorium der drei Villen am Schaumainkai.

          Jetzt ist wieder eine temporäre Lösung in Sicht. Die Wolfgang-Steubing-Halle des Senckenbergmuseums könnte umgewidmet und zur Anlegestelle etwa für die legendären Boote aus Neu-Guinea werden. Die Gelegenheit ist günstig. Der erst 2008 eröffnete Riesencontainer bietet einen idealen Schauraum. Erinnerungen an den alten, gänzlich unprätentiösen Portikus an der Schönen Aussicht werden wach, wo großartige Ausstellungen stattfanden.

          Stellt sich nur die Frage, wo die weitaus größere bewegliche Wellblechhalle andocken soll. Am günstigsten wäre es, wenn sie in der Parkbrache hinter den Villen aufgestellt würde. Als Zeichen, dass Frankfurt die Werke aus Afrika, Ozeanien, Lateinamerika genau so ernst nimmt wie etwa die Gemälde im nicht weit entfernten Städel. Aber auch im Europaviertel, dem eine kulturelle Aufwertung nicht schaden würde, gibt es noch Freiflächen. Die Präsentation von Großobjekten aus der Sammlung des Weltkulturenmuseums wäre jedoch, eine gute Verkehrsanbindung vorausgesetzt, überall eine spektakuläre Angelegenheit und bei entsprechender multimedialer Aufbereitung mit ziemlicher Sicherheit ein Publikumsrenner. Womöglich sogar am Offenbacher Hafen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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