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Kommentar : Ein Sender unter Druck

  • -Aktualisiert am

Im Gerichtssaal hat Jürgen Emig Verwunderung ausgelöst. Warum durfte der frühere Vorzeigemann des Senders offenbar jahrelang unbehelligt schalten und walten? Diese Frage wird der Hessische Rundfunk beantworten müssen.

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          Die Welt des Sports war wohl nie so heil, wie Jugendbücher einst suggerierten. Überlebt aber hat zumindest der Glaube, man könne auch sonst im Leben klare Strukturen gut gebrauchen, einen Trainer und einen Schiedsrichter eben. So betrachtet, ist Kurt Denk, der Organisator des „Ironman“ in Frankfurt, als Zeuge im Prozess gegen den früheren Sportchef des Hessischen Rundfunks vor einigen Tagen gar nicht so tief ins Fettnäpfchen getreten. Es war zwar politisch höchst unkorrekt von ihm, 2003 aus Ärger über die vermeintliche Geldgier des öffentlich-rechtlichen Senders den hessischen Ministerpräsidenten als „Kontrollinstanz“ anzurufen. Der Brief hat aber zumindest für einige Erschütterungen gesorgt und vielleicht in der Rundfunkanstalt die Sensibilität für obskure Finanzpraktiken geschärft.

          Man muss in diesen Tagen durchaus Mitgefühl mit dem HR haben. Nach fast drei Wochen Verhandlung gegen Jürgen Emig vor dem Frankfurter Landgericht bleibt so gut wie kein Schreiben unverlesen, das sich mit dieser Affäre befasst. Der interne Vermerk „vertraulich“, den einige tragen, ist für die Richter nicht bindend, wenn denn die öffentliche Lektüre der Wahrheitsfindung dient.

          Noch besteht die Chance auf eine zweite starke Halbzeit

          Es klingt für Außenstehende schon ziemlich merkwürdig, wenn da von der geringen Lust zu hören ist, die Arbeit der Staatsanwaltschaft zu machen, als aufgeklärt werden sollte, wie Emig die Mischfinanzierung aus offiziellem Budget und Zuschüssen sehr kreativ gestaltete. Die Strafverfolger reagierten übrigens sehr verschnupft und erwirkten einen Durchsuchungsbeschluss.

          Der HR, Opfer der mutmaßlichen Untreue und Bestechlichkeit, leidet derzeit gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen hat es der frühere Vorzeigemann des Senders im Gerichtssaal und darüber hinaus bisher verstanden, Verwunderung darüber auszulösen, wie er offenbar jahrelang unbehelligt schalten und walten konnte. Zum anderen geraten die Frankfurter wohl auch innerhalb der ARD unter Druck. Emig hat demonstrativ reumütig bekannt, bei einem Gewinnspiel „Product-Placement“ betrieben zu haben. Damit rief der den früheren Fernsehspieldirektor des Saarländischen Rundfunks auf den Plan, der sich nun dem Gericht als Kronzeuge dafür anbietet, Schleichwerbung sei bei den Öffentlich-Rechtlichen lange Zeit zumindest geduldet, wenn nicht gar erwünscht gewesen.

          Wie das alles beim „Gebührenzahler“, jenem scheuen Wesen, ankommt, wird die größte Sorge des HR bleiben. Seine Verantwortlichen werden, demnächst als Zeugen geladen, einiges erklären und zurechtrücken müssen. Noch haben sie die Chance auf eine zweite starke Halbzeit.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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