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Kommentar : Die Zügel in der Hand

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Rote Rosen, roter Blazer, rotes Parteibuch: Andrea Ypsilanti Bild: picture-alliance/ dpa

Das als „Signal der Geschlossenheit“ zu deuten ist schon etwas kühn. Zehn Prozent der SPD-Abgeordneten im Landtag mochten sich nicht dazu durchringen, Andrea Ypsilanti zu ihrer Chefin zu wählen. Doch der Wahlkampf könnte munter werden, meint Günter Mick.

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          Naja, das als „Signal der Geschlossenheit“ zu deuten ist schon etwas kühn. Immerhin zehn Prozent der SPD-Abgeordneten im Landtag mochten sich nicht dazu durchringen, Andrea Ypsilanti zur neuen Fraktionsvorsitzenden zu wählen. Einstimmigkeit allein aber wäre das „Signal“ gewesen, um zu dokumentieren, dass die Vorsitzende der hessischen SPD nun ohne Ach und Weh, ohne jeden Vorbehalt für die Partei ins Rennen gehe, um Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bei der Landtagswahl in einem Jahr abzulösen.

          So glatt, wie es in Anbetracht der Aufgabe hätte sein müssen, ist der Wechsel von Jürgen Walter zu Ypsilanti denn doch nicht erfolgt. Und das ist auch durchaus verständlich. Denn die Ungereimtheiten, die schwer nachvollziehbaren Verfahrensabläufe beim Ausdeuten der Person, die Koch herausfordern soll, waren kaum geeignet, die SPD als Formation zu erkennen, die geschlossen und tatkräftig ihr Ziel angeht.

          Linke Genossin statt Pragmatiker

          Es war ein Rätselspiel, mit wenig Substanz, von Witz gar nicht zu reden, voller Absonderlichkeiten, die den Blick auf eine politische Linie verstellten. Und das blieb - offenkundig - bis heute in der SPD nicht ohne Folgen. Wer soll es auch begreifen? Fraktionschef Walter brachte vor einem Jahr den einstigen Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke als Hoffnungsträger ins Spiel, verzichtete dessentwegen auf eigene Ambitionen; Grandke wartete zu, winkte schließlich ab; Ypsilanti schoss sofort nach vorne; jetzt zog Walter nach - ein Pragmatiker gegen die linke Genossin; langer Marsch der Kandidaten durch die SPD-Institutionen; Walter brachte die Mehrheit hinter sich; ein Parteitag nominierte im Dezember Ypsilanti.

          Klare Linie? Koch - bei allem, was man im Detail kritisieren mag, ein Politiker von staatspolitischem Format - konnte sich bisher eigentlich ob des Kurvenkurses der politischen Konkurrenz klammheimlich die Hände reiben. Zudem - vor knapp einem Jahr hatte die SPD bei den Kommunalwahlen in Hessen beachtlich an Boden verloren. Und das Bild, das die SPD zurzeit in Wiesbaden, der Landeshauptstadt, abgibt, nachdem sie es versäumt hat, ihren Oberbürgermeister-Kandidaten fristgerecht zu melden, ist nicht gerade dazu angetan, die Partei mit einem Vertrauensvorschuss zu bedenken.

          Der Wahlkampf könnte munter werden

          Andrea Ypsilanti hat nun also in der hessischen SPD die Zügel in der Hand. Das wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Innerparteilich auf dem linken Flügel positioniert, wird sie eine pointiertere Politik in ebendiese Richtung propagieren. Forsch, wie sie ist, nicht auf den Mund gefallen, sollte die CDU sie nicht unterschätzen. Zwei Vorteile zeichnen sich ab: Der Wahlkampf könnte munter werden, und die politischen Fronten sind eindeutiger denn zuvor.

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