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Kommentar : Die virtuelle Achterbahnfahrt

  • -Aktualisiert am

Welche Chance wäre das gewesen. Ein riesiges Plakat am Römer zum Beispiel: „Frankfurt grüßt den Rest der Welt“ oder „Besucht die Kunstschätze im Städel“. Zu spät. Google hat vor eineinhalb Jahren alles fotografiert, und die Stadt lag marketingmäßig im Dornröschenschlaf.

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          Welche Chance wäre das gewesen. Ein riesiges Plakat am Römer zum Beispiel: „Frankfurt grüßt den Rest der Welt“ oder „Besucht die Kunstschätze im Städel“. Vielleicht sogar „Drückt der Eintracht die Daumen“. Zu spät. Google hat vor eineinhalb Jahren alles fotografiert, und die Stadt lag marketingmäßig sozusagen im Dornröschenschlaf. Wer weiß, wann der Internet-Gigant wieder vorbeischaut.

          Jetzt herrscht Katzenjammer, ob nicht die Risiken größer seien als der Imagegewinn, wenn demnächst jeder Winkel im weltweiten Netz zu sehen sein wird. Die Bundesverbraucherministerin warnt und verweist den Bürger auf ein Beschwerdeformular.

          Der Anschein des Allgegenwärtigen

          Es mag an der deutschen Befindlichkeit liegen, zuerst einmal zu argwöhnen, es drohe ein empfindlicher Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, wenn man etwa zufällig halbnackt in seinem Vorgarten abgelichtet worden sei. Die Sorge hat Tradition. Ältere erinnern sich noch an die helle Aufregung, die die Idee einer Volkszählung weiland auslöste. Oder was war das für eine hitzige Debatte in Frankfurt, als im Bahnhofsviertel zur Abschreckung von Straßenräubern und Rauschgifthändlern Videokameras installiert werden sollten. Der Kompromiss trug schwejksche Züge: Der Schwenk Richtung Bordelle musste unterbleiben, damit die Besucher unbeobachtet ihrer Lust nachgehen können.

          Der deutsche Datenschutz ist wachsam, und das ist gut so. Durch „Street View“ droht nach der vorläufigen Einschätzung der Sachwalter des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung allerdings akut keine Gefahr. Die Bereitschaft von Google, auf Wunsch Gesichter, Autos und sogar Häuser zu pixeln, hat den Skeptikern etwas den Wind aus den Segeln genommen. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die virtuellen Städtetouren tatsächlich nur Spaß und Freude bringen werden. Schließlich kann keiner ausschließen, ob sich nicht auch Einbrecher den Service zunutze machen, um auszukundschaften, wo sich am besten einsteigen ließe.

          Für Google ist das alles jedenfalls ein weiterer Schritt, sich den Anschein des Allgegenwärtigen zu verleihen und neue Angebote zu vermarkten. Man wird dem Konzern die Kameratouren durch die Städte auch künftig wohl kaum verwehren können. Aber man sollte den erfolgsverwöhnten Amerikanern auch keine Narrenfreiheit einräumen. Der Spruch ihres Bosses, jeder solle halt nur das tun, was andere auch sehen dürften, ist lässig, um nicht zu sagen: anmaßend.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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