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Ausgezeichnete Arbeit: Katharina Iskandar berichtet über Fälle von Rechtsextremismus und Terrorismus im Rhein-Main-Gebiet.

Kommentar : Das wahre Gesicht gezeigt

Jahrelang wurde in der autonomen Szene behauptet, Sachbeschädigungen seien gewollt, Gewalt gegen Menschen sei ein Tabu. Dieser Grundsatz galt am Samstag in Frankfurt nicht.

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          Ein Detail, das kein Bild und keine noch so ausführliche Berichterstattung über die Geschehnisse vom Samstag wiedergeben kann, sind die Schreie von Passanten auf der Zeil in jenem Moment, als der schwarze, vermummte Mob die Haupteinkaufsstraße stürmte und mit Pflastersteinen um sich warf. Es waren Schreie, die man, wäre dieses Wort nicht so abgegriffen, als Todesangst bezeichnen könnte. Fast schlimmer als die Schreie selbst waren nur noch das Splittern der berstenden Scheiben und das dumpfe Aufprallen der Wurfgeschosse auf dem Asphalt.

          Frankfurt hat das schlimmste Ausmaß linksextremer Gewalt seit vielen Jahren erlebt. Und wenn aus diesem Tag eine Lehre gezogen werden kann, dann diese: Linke Gewalt darf nicht verharmlost werden. Denn es handelt sich nicht um ein paar über das Ziel hinausgeschossene dumme Jungen im Dienste einer ansonsten „guten Sache“, als die viele die Kritik an der europäischen Finanzpolitik inzwischen betrachten. Niemand führt Pflastersteine, Knallkörper und Schreckschusspistolen mit sich, der es nicht von Anfang an auf Krawall angelegt hat. Und erstmals seit langem hat die autonome Szene ihr wahres Gesicht gezeigt.

          Erschreckendes Beispiel

          Jahrelang wurde behauptet, Sachbeschädigungen seien gewollt und würden toleriert, Gewalt gegen Menschen sei ein Tabu. Dieser Grundsatz galt am Samstag nicht. Der Polizist, der von seinen Kollegen abgedrängt und dann von Demonstranten schwer verletzt worden ist und nun auf der Intensivstation liegt, ist ein erschreckendes Beispiel dafür. Ein anderes ist der Wachmann auf der Zeil, der nur seiner Arbeit nachging und dafür angegriffen wurde.

          Die Frage ist nun, wie die Polizei künftig mit derartigen Aufzügen umgehen will. Aus guten Gründen setzt sie auf Deeskalation. Wenn jedoch diese Strategie dazu führt, dass einer pöbelnden Masse Tür und Tor geöffnet wird für willkürliche Zerstörung, dann muss diese Taktik dringend überarbeitet werden. Die zahlreichen Einzelhändler, deren Scheiben zerstört und Wände beschmiert worden sind, werden kaum Verständnis dafür haben, dass die Demonstration weitergeführt werden durfte, nachdem es an der EZB und am Steigenberger Hotel schon zu Eskalationen gekommen war. Von der Polizei erhofft man sich mehr Souveränität. Und vom Bürger eine deutlichere Ächtung gewaltorientierter Demonstranten.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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