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Kommentar : Das hessische Pferd

In Waldgirmes nahe Wetzlar wurde am 12. August ein Pferdekopf aus Bronze gefunden, der zu einer Reiterstatue gehörte. Etwa 100 Bruchstücke der Großskulptur haben die Ausgräber in dem mittelhessischen Ort mittlerweile aus dem Boden geholt.

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          Die Germanen hielten es einst wie die Taliban noch im Jahr 2001, als sie die Buddha-Statuen von Bamiyan ruinierten: Unsere Vorfahren vernichteten, nachdem sie im Gemetzel am Teutoburger Wald vor exakt 2000 Jahren einen Sieg über die Römer errungen hatten, Kulturgüter von hohem Wert. Aber weder die einen noch die anderen waren perfekte Bilderstürmer. So konnte Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst jetzt von einem einzigartigen Fund berichten: In Waldgirmes nahe Wetzlar, wo die Herren aus dem Süden in der Zeit um Christi Geburt Großes vorhatten, wurde am 12. August ein Pferdekopf aus Bronze gefunden, der zu einer Reiterstatue gehörte.

          Etwa 100 Bruchstücke der Großskulptur haben die Ausgräber in dem mittelhessischen Ort mittlerweile aus dem Boden geholt. Seit 1993 sind die Archäologen dort im Einsatz. Das Kunstwerk stellte wohl Kaiser Augustus auf seinem Pferd dar. Es stand in einer erst wenige Jahre vor der Varusschlacht gegründeten Stadt, mit der die Römer ihre Herrschaft östlich des Rheins und nördlich der Donau zu festigen beabsichtigten.

          Nicht in einen archäologischen Event-Park

          Der tapfere Arminius durchkreuzte die ehrgeizigen Pläne. Die germanischen Mannen brachen das Standbild in zahllose Stücke, deponierten den Kopf des edlen Rosses in ritueller Römer-Verachtung tief unten in einem Brunnen und träumten erst 1800 Jahre später wieder vom Land, in dem die Zitronen blühen. Dank Winckelmann, Goethe und etlicher Forscher im 19. und frühen 20. Jahrhundert galt die Antike wieder etwas in deutschen Landen, und die Begeisterung steigerte sich in einem solchen Ausmaß, dass eigens Museen errichtet wurden, um die griechischen und römischen Werke vor allem der Bildhauerkunst wissenschaftlich zu bearbeiten, konservatorisch zu pflegen und auf angemessene Weise auszustellen.

          In Frankfurt widmet sich das Liebieghaus dieser Aufgabe seit langem mit Hingabe. In diesem Haus inmitten von Hessens heimlicher Hauptstadt wäre auch der bronzene Pferdekopf gut aufgehoben. Schließlich handelt es sich um ein Fundstück, das von außergewöhnlicher Qualität ist und es nicht verdient hat, als Sensationsobjekt in einem archäologischen Event-Park zu landen. Auch wenn lokale Empfindlichkeiten berührt werden: Die Landesregierung wäre gut beraten, eine Lösung anzustreben, die nicht nur kostengünstig wäre, sondern auch die größtmögliche Aufmerksamkeit auf das unvergleichliche Kunstwerk lenkte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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