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Kommentar : Das Amt und die Literatur

In einem offenen Brief hat sich Literaturhaus-Leiter Hückstadt über die Frankfurter Kulturpolitik beschwert. Das Schreiben ist Ausdruck einer Schieflage, bei der die Arbeitsteilung von Politik und Kultur verschwimmt.

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          Die Arbeitsteilung ist klar. Im Prinzip. Die Politik samt ihrem verlängerten Arm, der Verwaltung, hat Kultur zu ermöglichen, zu fördern, auch zu verteidigen in Zeiten klammer öffentlicher Haushalte. Die inhaltliche Beschäftigung, die kuratorischen Tätigkeiten, die ästhetische Präsentation aber bleiben den Fachleuten, Vermittlern und Künstlern in Theatern, Konzerthäusern, Museen und anderen Institutionen überlassen. Kunst von Amts wegen hat einen Hautgout. Es riecht nach Anmaßung und Kompetenzüberschreitung.

          Auch einem flüchtigen Beobachter ist nicht entgangen, dass das Kulturamt der Stadt Frankfurt seit ein paar Jahren mit großer Energie das Feld der Literaturveranstaltungen beackert und das Terrain nach und nach ausdehnt. Das liegt zum einen an den handelnden Personen. Der Kulturdezernent hat sich stets mit besonderer Leidenschaft für Poesie und Prosa eingesetzt, was auch mit seinem persönlichen Bildungsgang zu tun hat. Und Sonja Vandenrath, Literaturreferentin im Kulturamt, stürzt sich mit unverkennbarem Ehrgeiz in Projekte, bei denen sie ihren Gestaltungswillen verwirklichen kann.

          Aufgestaute Frustrationen

          Sich auf die Literatur zu verlegen hat andererseits seinen Grund auch darin, dass sich auf diesem Gebiet im Vergleich zu anderen Kunstformen mit geringen Mitteln nachhaltige Wirkungen erzielen lassen. Die Kosten für die üblichen Formate in der Literaturvermittlung, die Lesung, das moderierte Schriftstellergespräch, allenfalls noch die Podiumsdiskussion, halten sich in Grenzen.

          Theateraufführungen, Streichkonzerte oder Ähnliches wird das Kulturamt kaum finanzieren können, es wäre aber auch eine merkwürdige Vorstellung, wenn es auf derlei Feldern von sich aus aktiv würde. Bei den vielen literarischen Reihen und sonstigen Veranstaltungen mit Autoren, die mittlerweile vom Amt aus organisiert werden, kümmert sich allerdings kaum jemand darum, wer dahintersteckt.

          Generell erfreut es das Publikum, ein reichhaltiges Angebot an literarischen Ereignissen in der Stadt geboten zu bekommen. Und die deutliche Vermehrung der Literaturveranstaltungen trägt gewiss zur Profilierung Frankfurts als Literaturstadt bei. Wenn jedoch ein Institutsleiter wie Literaturhaus-Leiter Hauke Hückstädt, ein sonst besonnener und ruhiger Mann, das Amt als äußerst unangenehme Konkurrenz empfindet und seine offenbar über Jahre hinweg aufgestaute Frustration darüber in einem offenen Brief zum Ausdruck bringt, ist etwas in eine Schieflage geraten. Sie muss korrigiert werden.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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